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Finanzkennzahlen

 

Es gibt fast unendlich viele Finanzkennzahlen für Unternehmen. Auf dieser Seite finden Sie eine Auswahl von nützlichen Finanzkennzahlen, die für Sie als Anleger von Interesse sind. Die beispielhafte Berechnung bezieht sich auf die Daten aus Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Kapitalflussrechnung und Segmenberichterstattung der Müller AG sowie folgenden weiteren Angaben zur Gesellschaft: Anzahl Aktien = 100 Mio.; Dividendenausschüttungssumme = € 20 Mio.; Aktueller Aktienkurs = € 4,00

 

1. Bilanz / Verschuldung

Hohe Eigenkapitalquote (ab 40%), niedrige Nettofinanzverschuldung, niedriges Gearing (unter 100%) und niedriger dynamischer Verschuldungsgrad (unter 2) zeigen niedrige oder moderate Verschuldung an. Das Wort „Gearing“ ist auf Englisch das gleiche wie für das Getriebe eines Autos, da die Kennzahl aussagt, ob das Unternehmen finanziell in einem „hohen Gang“ (mit hoher Fremdfinanzierung) oder in einem niedrigen Gang fährt. (siehe auch Bilanz)

  1. Eigenkapitalquote = Eigenkapital / Bilanzsumme = € 400 Mio./ € 800 Mio. = 50%
  2. Nettofinanzverschuldung = Finanzschulden (inkl. Pensionsrückstellungen)– liquide Mittel = € 100 Mio. + € 150 Mio. + € 50 Mio. – € 100 Mio. = € 200 Mio.
  3. Gearing = Nettofinanzverschuldung / Eigenkapital = € 200 Mio. / € 400 Mio.  = 50%
  4. Dynamischer Verschuldungsgrad = Nettofinanzverschuldung / EBITDA =  € 200 Mio. / € 150 Mio. = 1,33

 

2. Kapitalintensität / Kapitalrentabilität

Eine hohe Working Capital-Intensität (ab 30% eher hoch) zeigt an, dass mit steigenden Umsätzen auch der Finanzbedarf für Working Capital (Nettoumlaufvermögen) entsprechend hoch kalkuliert werden muss. Wenn sie wie hier bei 49% liegt, muss für jeden Euro mehr an Umsatz 49c an Kapital für Working Capital aufgebracht werden. Das Geld ist zwar nicht endgültig „ausgegeben“, aber gebunden. Es befindet sich in einem Kreislauf: Vorräte werden durch Verkauf zu Kundenforderungen, diese werden bezahlt und werden zu Bankguthaben; dieses wird wieder aufgewendet, um Waren (Rohstoffe oder Handelsware) zu kaufen und so weiter…Das Geld im Working Capital wird meist erst dann dauerhaft frei, wenn der Umsatz sinkt.

Anders verhält es sich bei den Investitionen (8.): Dieses Geld ist erst einmal ausgegeben und langfristig gebunden in Maschinen, Immobilien oder immaterielle Vermögensgegenstände wie Patente oder ähnliches. Die Kennzahl „Investitionen in % vom Umsatz“ sagt, dass jedes Jahr 11,8% vom Umsatz für Investitionen ausgegeben werden muss. (Dagegen muss für das Working Capital nur bei Umsatzwachstum zusätzliches Geld aufgebracht werden.)

Die Eigenkapitalrendite (Return on Equity) sagt aus, wie wiel das Unternehmen im Verhältnis zum Eigenkapital der Aktionäre verdient. Dies ist eine sehr interessante Kennzahl, deren Wert jedoch dadurch gemindert wird, dass das Eigenkapital „nur“ eine buchhalterische Größe ist. Außerdem kann die Eigenkapitalrendite durch hohe Fremdfinanzierung gesteigert werden, was Sie als vorsichtiger Investor im Einzelfall berücksichtigen sollten. Ziel sollte es für ein Unternehmen sein, eine Eigenkapitalrendite deutlich über den Eigenkapitalkosten zu erzielen, die in etwa bei 8-10% angesetzt werden können.

  1. Working Capital (Nettoumlaufvermögen) im engeren Sinne = Vorräte + Kundenforderungen (Forderungen aus Lieferungen und Leistungen) – Lieferantenverbindlichkeiten (Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen) = € 200 Mio. + € 100 Mio. – € 50 Mio. = € 250 Mio.
  2. Working Capital-Intensität = Working Capital/ Umsatz = € 250 Mio. / € 510 Mio.  = 49%
  3. Investitionen in % vom Umsatz = Investitionen in immaterielle Vermögensgegenstände und Sachanlagen / Umsatz =  € 60 Mio. / € 510 Mio. =11,8%
  4. Eigenkapitalrendite (Return on Equity) nach Steuern = Ergebnis nach Steuern/ Eigenkapital =  € 55 Mio. / € 400 Mio. = 13,8%

 

3. Rentabilität

Die Margen sind insbesondere im Mehrjahresvergleich interessant. So sehen Sie auf einen Blick, wie sich die Umsatzrentabilität verändert hat. Die Rohertragsmarge ist vor allem bei Handelsunternehmen interessant (=Handelsmarge). Die EBITDA-Marge ist „unverfälscht“ durch die buchhalterisch ermittelten Abschreibungen. Dagegen gibt die EBIT-Marge die eigentliche betriebliche Ertragskraft wider. Die EBT-Marge enthält zusätzlich noch das Finanzergebnis (Zinsaufwand), aber noch nicht  die Steuern, die in einzelnen Jahren stark schwanken können und daher das Bild stören können. (Daher wird gedanklich oft mit einer langfristigen Steuerquote von beispielsweise 30% gerechnet). (siehe auch Gewinn- und Verlustrechnung)

  1. Rohertragsmarge = Rohertrag / Umsatz = € 320 Mio. / € 510 Mio. = 62,7%
  2. EBITDA-Marge = EBITDA/ Umsatz = € 150 Mio. / € 510 Mio. = 29,4%
  3. EBIT-Marge = EBIT/ Umsatz = € 100 Mio. / € 510 Mio. = 19,6%
  4. EBT-Marge = EBT/Umsatz = € 80 Mio. / € 510 Mio. = 15,7%

 

4. Cash Flow

Cash Flow und Free Cash Flow sollten  immer im mehrjährigen Zusammenhang betrachtet werden, da sie oft stark schwanken, vor allem bedingt durch Working Capital – Veränderungen und Investitionen.  Dann sind sie allerdings sehr wertvolle Finanzkennzahlen. Sie sagen noch klarer als die Ertragskennzahlen aus, wieviel Geld das Unternehmen erwirtschaftet und wieviel davon nach Abzug der Investitionen übrig bleibt. Dadurch wird die Ausschüttungsfährigkeit  (Dividendenfähigkeit) der Gesellschaft bestimmt. (siehe auch Kapitalflussrechnung)

  1. Betrieblicher Cash Flow (nach Working Capital – Veränderung) = € 100 Mio.
  2. Free Cash Flow = Betrieblicher Cash Flow – Investitionen = € 100 Mio. – € 60 Mio. = € 40 Mio.
  3. Free Cash Flow-Marge = Free Cash Flow / Umsatz = € 40 Mio. / € 510 Mio.= 7,8%

 

5. Segmentanalyse

Mit Finanzkennzahlen aus 2.,3. und 4. können Sie die Stärken und Schwächen der einzelnen Segmente / Geschäftsbereiche herausarbeiten. In unserem Beispiel können Sie schon gut erkennen, dass der Geschäftsbereich Backmischungen wenig Ertrag erwirtschaftete und keinen Free Cash Flow. Wenn sich dies im mehrjährigen Vergleich bestätigen würde, sollte man hier ganz genau nachsehen, wie das Management dies erklärt und was es mit dem Bereich vorhat. Manchmal prägt ein kleiner Problembereich eines größeren, ansonsten profitablen Unternehmens, über den in der Presse viel berichtet wird, die Meinung der Investoren so, dass die Aktie stark fällt. Dies kann eine gute Kaufgelegenheit sein, wenn man davon ausgeht, dass die Probleme gelöst werden, sei es auch durch Verkauf oder Einstellung des Bereiches. (siehe auch Segmentberichterstattung)

  1. EBITDA-Marge von Geschäftsbereich Mehl= EBITDA/ Umsatz = € 130 Mio. / € 410 Mio. = 31,7%
  2. EBITDA-Marge von Geschäftsbereich Backmischungen = EBITDA/ Umsatz = € 20 Mio. / € 100 Mio. = 20%
  3. EBIT-Marge von Geschäftsbereich Mehl= EBIT/ Umsatz = € 95 Mio./ € 410 Mio. =23,2%
  4. EBIT-Marge von Geschäftsbereich Backmischungen = EBIT/ Umsatz = € 5 Mio. / € 100 Mio. =5,0%
  5. Free Cash Flow von Geschäftsbereich Mehl = EBITDA-Investitionen = € 130 Mio. – € 40 Mio. = € 90 Mio.
  6. Free Cash Flow von Geschäftsbereich Backmischungen = EBITDA-Investitionen = € 20 Mio. – € 20 Mio. = 0
  7. Rendite auf das eingesetzte Kapital (Return on Capital Employed, RoCE) von Geschäftsbereich Mehl = EBIT/(Segmentvermögen –Segmentschulden)= € 95 Mio. /(€ 500 Mio.- € 80 Mio.) =22,6%
  8. Rendite auf das eingesetzte Kapital von Geschäftsbereich Backmischungen = € 5 Mio./(€ 200 Mio. – € 20 Mio.)=2,8%

 

6. Bewertungskennzahlen

Wenn Sie Value Investor sind oder dies werden wollen, möchten Sie Aktien von guten Unternehmen billig kaufen. Mit Hilfe der Finanzkennzahlen unter 1.-5. haben wir uns mit der Auswahl „guter Unternehmen“ befasst. Nun interessiert uns die Bewertung. Die üblichste Kennzahl ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Daneben sind die ist die Kennzahl EV/EBITDA interessant, da diese Gewinngröße nicht durch Abschreibungen, Finanzergebnis und Steuern beeinflusst wird. Ergänzend dazu EV/EBIT (Hier sind die Abschreibungen berücksichtigt, Finanzergebnis und Steuern jedoch nicht.)

Sehr interessant ist auch die Free Cash Flow-Rendite. Sie gibt an, wie viel Geld das Unternehmen betrieblich (ohne Berücksichtigung der Fremdfinanzierung) erwirtschaftet. Diese Zahl sollte jedoch nur für mehrere Jahre im Zusammenhang beurteilt werden, weil sie auch bei stabilen Unternehmen aufgrund der Investitionen und der Working Capital-Veränderungen stark schwanken kann.

  1. Gewinn je Aktie = Ergebnis nach Steuern / Anzahl Aktien = € 55 Mio. / 100 Mio. = 55c
  2. Kurs-Gewinn-Verhältnis (Price-Earnings-Ratio) = Aktienkurs / Gewinn je Aktie = € 4,00 /55c = 7,3
  3. Marktkapitalisierung (=Börsenkapitalisierung) = Aktienanzahl *Aktienkurs = 100 Mio. x € 4,00 = € 400 Mio.
  4. Enterprise Value (betrieblicher Unternehmenswert) = (Anzahl Aktien*Aktienkurs)+Nettofinanzverschuldung = 100 Mio. * € 4,00 + € 200 Mio. = € 600 Mio.
  5. EV/ EBITDA (Enterprise Value/ Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen)= Enterprise Value / EBITDA = € 600 Mio. / € 150 Mio. = 4,0
  6. EV/ EBIT (Enterprise Value/ Gewinn vor Zinsen  und Steuern)= Enterprise Value / EBIT = € 600 Mio. / € 100 Mio. = 6,0
  7. Free Cash Flow-Rendite (Free Cash Flow Yield) = Free Cash Flow / Enterprise Value = € 40 Mio. / € 600 Mio. = 6,67%
  8. Dividende je Aktie = Dividendenausschüttungssumme/ Anzahl Aktien= € 20 Mio. / € 100 Mio. = 20c
  9. Dividendenrendite = Dividende je Aktie / Aktienkurs = 20c/€ 4,00 =5,0 %
  10. Ausschüttungsquote = Dividendenausschüttungssumme % von Ergebnis nach Steuern = € 20 Mio. / € 55 Mio. =36,4%