Europäische Zentralbank (EZB) und die Inflation

Die Europäische Zentralbank mit Sitz in Frankfurt/ Main besteht seit 1998. Ihr wichtigstes Gremium ist der EZB-Rat, der aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten und den vier anderen Direktoriumsmitgliedern sowie allen nationalen Notenbankpräsidenten der EWU/Eurozone besteht.

 

1. Welche Aufgaben hat die Europäische Zentralbank (EZB) ?

Die primäre Aufgabe des Europäischen Zentralbank ist die Erhaltung der Preisniveaustabilität. Als Preisniveaustabilität definiert ist dabei eine Inflationsrate in der Nähe von 2%, aber leicht darunter. Daneben soll sie, weit das primäre Ziel es erlaubt, die Wirtschaftspolitik der EU dabei unterstützen, eine hohe Beschäftigung und ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum zu erreichen.

Weitere Aufgaben sind die Sicherstellung der Geldversorgung und eines reibungslosen Zahlungsverkehrs, die Verwaltung der Devisenreserven sowie ein Teil der Bankenaufsicht.

Das Erreichen des Inflationsziels wird gemessen an dem HVPI (Harmonisierten Verbraucherpreisindex) der EU für den Euroraum.

Warum ist ein Inflationsziel bei 2% von Vorteil gegenüber einem von 0%? (Preisniveaustabilität würde doch eigentlich Inflation = 0% bedeuten)

  1. Bei einer Inflation, die um 0% schwankt, käme die Inflationsrate häufig unter 0%. Inflationsraten unter 0% nennt man auch Deflation, eine Phase, in der die Preise überwiegend fallen. Man hat in früheren Phasen der Deflation (z.B. in Japan) beobachtet, dass die Konsumenten dann Anschaffungen aufschieben, da sie weiter fallende Preise erwarten. Dies dämpfte die Konjunktur bzw. verstärkte die Rezession. Derartige Effekte möchte man im Interesse eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums vermeiden.
  2. Eine leicht positive Inflationsrate erleichtert strukturelle Anpassungen. Löhne sind meist nach unten nicht flexibel. Es ist z.B. in Tarifverhandlungen viel leichter durchzusetzen, bei einer Inflationsrate von 2% das Lohnniveau unverändert zu lassen, als bei einer Inflationsrate von 0% das Lohnniveau um 2% zu senken, obwohl die inflationsbereinigte (reale) Auswirkung die gleiche ist.

Eine wichtige Herausforderung der EZB ist die meist sehr unterschiedliche Konjunktur- und Preisentwicklung in den einzelnen Euro-Staaten. Die EZB kann jedoch nur eine einheitliche Währungspolitik verfolgen, so dass es de facto dann zu einem „Kompromiss“ kommt. Dies bedeutet, dass die Gelspolitik fast immer für manche Euro-Staaten zu restriktiv ist und für andere zu locker (dass also die Notenbankzinsen für manche Euro-Staaten zu hoch und für andere zu niedrig sind).

 

Aus der Tabelle kann man erkennen, dass der EZB das Erreichen dieses Inflationsziels eigentlich bisher relativ gut gelungen ist. Während die Inflationsrate bis vor kurzem eher leicht über 2% lag, fiel sie seit 2014 deutlich darunter und kam sogar in die Nähe von 0%. Dies hat sicher bei der EZB eine gewisse „Nervosität“ ausgelöst, da man auf jeden Fall die unter dem obigen Punkt 1. erwähnte Deflation vermeiden will. Daher hat die EZB diesmal auch zu einem sehr ungewöhnlichen Instrument gegriffen. (siehe unten: Kauf von Staatsanleihen der Euro-Länder)

 

Inflationsrate in der Eurozone

Anstieg des Verbraucherpreisindex gegenüber Vorjahr in %
2002200320042005200620072008200920102011201220132014201520162017
2,32,12,22,22,22,13,30,31,62,72,51,30,40,10,91,3

Datenquelle: OECD, ab 2016 Schätzungen

 

2. Welche Instrumente stehen der EZB für die Geldpolitik zur Verfügung?

2.1. Offenmarktgeschäfte

Das wichtigste geldpolitische Instrument der EZB sind die Offenmarktgeschäfte. Hier wird den Geschäftsbanken gegen Hinterlegung von Anleihen als Sicherheiten im Rahmen wöchentlicher Auktionen Geld für eine Woche ausgeliehen.

Der wichtigste Offenmarktzinssatz der EZB ist der Hauptrefinanzierungssatz. Seit 2008 läuft dieses Auktionsverfahren als Mengentender ab, d.h. die EZB gibt den Zins vor und die Geschäftsbanken bieten für einen Betrag (Menge). Am Ende bekommen sie einen Betrag zugeteilt.

Die vor der Finanzkrise bis 2008 verwendete Methode war der Zinstender. Hier mussten die Banken einen Zins bieten, um eine möglichst große Menge zu bekommen. Für jede Bank galt dann der Zinsssatz, den sie geboten hatte (amerikanisches Verfahren). Die Banken, die die niedrigsten Zinssätze geboten hatten, bekamen nichts oder nur einen Teilbetrag des gewünschten Volumens.

Zusätzlich wurden aufgrund der Liquiditätsengpässe der Banken in 2011 und 2012 längerfristige Refinanzierungsgeschäfte eingeführt über jeweils 3 Jahre. (von EZB-Präsident Mario Draghi angesichts der großen Volumina auch „dicke Berta“ genannt)

 

2.2. Devisenmarktinterventionen

Durch den Kauf von fremder Währung (z.B. US-Dollar) gibt die EZB auch Geld in Umlauf, da sie dem US-Dollar-Verkäufer mit Euro bezahlt. (Zur Klarstellung: Euro, die sich im Besitz der EZB befinden, sind per Definition kein Geld; erst wenn sie die EZB verlassen, werden sie zu Geld.) Dieses Instrument steht der EZB auch zur Verfügung, um die Geldmenge zu erhöhen oder zu reduzieren. Die Bestände der EZB und der nationalen Notenbanken in ausländischer Währung nennt man Devisenreserven. Ein kleiner Teil davon wird in physischem Gold gehalten. Diese Goldreserven werden allerdings relativ selten verändert.

Devisenmarktinterventionen werden meist dann durchgeführt, wenn gleichzeitig der Außenwert des Euro gegenüber anderen Währungen, d.h. die Wechselkurse beeinflusst werden sollen.

 

2.3. Ständige Fazilitäten

Die Banken in der Eurozone haben jederzeit die Möglichkeit, sich von der EZB unbegrenzt gegen geeignete Sicherheiten Geld zu leihen. Der Zins für diese ständigen Fazilitäten ist allerdings höher als der für die Offenmarktgeschäfte.

 

2.4. Kauf von Staatsanleihen der Euro-Länder

In 2015 hat die EZB damit begonnen, in großem Umfang Staatsanleihen von Euro-Ländern zu erwerben, um die Geldmenge und die Liquidität des Bankensystems zusätzlich zu erweitern. Dieses Instrument wird vielfach kritisch gesehen, da es als „monetäre Staatsfinanzierung“ betrachtet wird. Die Kritiker sind der Meinung, dass dadurch die Disziplin der Mitgliedstaaten unterminiert wird, einen soliden Staatshaushalt zu führen. Die EZB begründet die Einführung dieses Instrumentes damit, dass trotz der historisch und auch absolut extrem niedrigen Zinssätze für Offenmarktgeschäfte die Inflation um 0 lag/ liegt und damit unter dem Ziel von knapp 2%.

(Der schon von der Bundesbank in früheren Zeiten praktizierte Kauf von US-Staatsanleihen zur rentablen Anlage der Devisenreserven ist hiervon völlig separat zu sehen, da die eigene Geldmenge durch den Anleihekauf  aus bereits vorhandenen Dollar-Reserven selbst nicht direkt beeinflusst wird und auch kein Interessenkonflikt zwichen Geld- und Fiskalpolitik erkennbar ist.)

 

 

3. Wie unterscheidet sich die Arbeit der Fed von der der EZB ?

Das amerikanische Federal Reserve System (US-Notenbank) besteht aus acht regionalen Federal Reserve Banks und wird von dem Federal Reserve Board in Washington, D.C. geleitet. Das für die Geldpolitik verantwortliche Gremium ist das Federal Open Market Committee (FOMC). In diesem Gremium sind neben dem Federal Reserve Board auch die Präsidenten 12 einzelnen Federal Reserve Banks vertreten.

Ein wichtiger Unterschied zur EZB besteht darin, dass für die „Fed“ das Ziel eines hohen Beschäftigungsstandes (niedrige Arbeitslosigkeit) gleich hoch gewichtet wird wie die Preisniveaustabilität.

Die Fed hat bereits viel früher mit ihrem Anleihekaufprogramm begonnen als die EZB und die Käufe von Staatsanleihen, Hypothekenschuldverschreibungen und Unternehmensanleihen in viel größerem Umfang betrieben als die EZB. Sie hat diese Käufe

In der Finanzbranche hat sich die Berufsgruppe der „Fed-watcher“ herausgebildet. Dies sind Volkswirtschaftler und Journalisten, die professionell die Politik der Fed beobachten. Informell werden die einzelnen Mitglieder des Federal Reserve Board von den Fed-Watchers als „Falken“ (hawks) und „Tauben“ (doves) einsortiert. Falken favorisieren eine restriktive Geldpolitik (hohe Zinsen) und Tauben eine lockere Geldpolitik (niedrige Zinsen). Wenn Mitglieder des Board sich in der Öffentlichkeit äußern, werden oft einzelne Worte „auf die Goldwaage gelegt“ und schnell Rückschlüsse auf ihr Abstimmungsverhalten im Board und damit die Geldpolitik gezogen.  (Beobachter der EZB nennt man analog dazu „ECB-watcher“)

 

 

4. Welche Bedeutung haben EZB und Fed für Sie als Anleger ?

4.1. Anleihen

Am wichtigsten sind die Notenbanken zunächst, wenn Sie in Anleihen investieren. Sie beeinflussen direkt das „kurze Ende“ und indirekt das „lange Ende“ der Zinsstrukturkurve. Sie können daher aus Äußerungen und Maßnahmen der Notenbanken Rückschlüsse auf die Bewegungen im Zinsniveau ziehen. Dabei wirkt sich die Fed-Politik indirekt auch auf den Euro-Anleihenmarkt aus.

 

4.2. Aktien

Die Auwirkungen der Notenbankpolitik auf die Aktienmärkte sind indirekter und weniger eindeutig als die auf die Anleihenmärkte. Folgende Punkte sind hervorzuheben:

  • Ein Anstieg der Notenbankzinsen führt tendenziell zu einem Anstieg der Zinsen für Anleihen; dadurch die Anlage in Anleihen attraktiver und die in Aktien relativ unattraktiver; dies führt tendenziell zu Aktienkursrückgängen (und umgekehrt)
  • An den Finanzmärkten wird den Notenbanken (Fed und EZB) aufgrund ihrer engen Kontakte zu den Geschäftsbanken und ihrer großen volkswirtschaftlichen und statistischen Abteilungen ein hohes Maß an Einblick in die Wirtschaftsentwicklung zugetraut. Daher werden gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten positive Äußerungen der Fed zur wirtschaftlichen Entwicklung am Aktienmarkt positiv aufgenommen, obwohl sie tendenziell zinserhöhend wirken könnten; dabei werden dann vom Aktienmarkt die positiven Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne höher gewichtet als die negativen Auswirkungen über die (steigenden) Zinsen.

 

Die öffentlich verfügbaren Statistiken und Berichte der Notenbanken sind meist von guter oder sogar herausragender Qualität und als Lektüre zu empfehlen.