Eurokrise – Ursachen und Konsequenzen

1. Entstehung der Eurokrise

In den 1990er Jahren konnte man die heutigen Euro-Länder in zwei Gruppen unterteilen:

  • Die „Hartwährungsländer“ (Deutschland, Niederlande), in denen Inflationsraten und Zinsniveau niedrig waren
  • Die „Weichwährungsländer“ (Spanien, Italien, Portugal, Irland), in denen Inflationsraten und Zinsniveau deutlich höher lagen

In den Weichwährungsländern war die Verschuldung der Bevölkerung aufgrund der hohen Zinssätze moderat, da Kredite teuer waren.

Durch die Einführung der Währungsunion 1999 kam es zu folgenden Auswirkungen in den ehemaligen „Weichwährungsländern“:

  • Dramatischer Rückgang des Zinsniveaus
  • Erhebliche Ausweitung der Kreditaufnahmen zur Finanzierung von Hauskäufen und Konsumgütern
  • Rapider Anstieg der Immobilienpreise
  • steigende Inlandsnachfrage, vor allem steigender Konsum
  • Anstieg des Lohnniveaus
  • erleichtert durch die niedrigen Zinsen auch steigender schuldenfinanzierter Staatsverbrauch (Einstellung von Beamten, Erhöhung der Renten)

Durch den Anstieg von Preisen und Löhnen hat sich die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder bis 2008 deutlich verschlechtet, so das die Exporte zurückgingen und, auch aufgrund der steigenden Konsum- und Baunachfrage, die Importe zunahmen. So wiesen die Länder ein über Jahre hohes Leistungsbilanzdefizit aus (Importe von Gütern und Dienstleistungen waren höher als Exporte von Gütern und Dienstleistungen, siehe auch Außenhandel). In der Boomphase 2004-7 konnten diese Leistungsbilanzdifizite leicht durch Auslandsverschuldung zu niedrigen Zinsen finanziert werden. Dies endete abrupt durch die Finanzkrise.

Ausgelöst durch die Finanzkrise kam es dann insbesondere in Spanien, Irland, Portugal und Griechenland zu…

  • starken Rückgängen der Immobilienpreise und hohen Leerständen
  • Bankenkrise wegen hoher Kreditausfälle
  • hoher Staatsverschuldung durch Bankenrettungsmaßnahmen
  • hoher Arbeitslosigkeit

Wenn diese Länder noch eigene Währungen gehabt hätten, wäre es zu einer erheblichen Währungsabwertung gekommen und sie hätten von einem Anpassungsprozess profitieren können wie unter Europäische Währungsunion / „Ist die Eurozone ein geeigneter Währungsraum ?“ beschrieben.

In dieser Tabelle sind die hohen Leistungsbilanzdifizite (in % des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts) von Spanien und Irland zu sehen und die Erholung der Leistungsbilanzen in den letzten Jahren. Gleichzeitig sehen Sie die Leistungsbilanzüberschüsse von Deutschland, dessen Wettbewerbsfähigkeit seit 2005 in Jahren der Lohnzurückhaltung zunahm.

 

Leistungsbilanzsaldo in % des BIP

 199819992000200120022003200420052006200720082009201020112012201320142015
Deutschland-0,8-1,5-1,8-0,32,01,44,44,65,76,85,55,75,46,06,96,57,58,3
Niederlande2,73,21,72,22,24,76,86,17,96,04,15,87,49,110,811,010,611,0
Spanien-1,7-3,3-4,4-4,4-3,7-3,9-5,6-7,5-9,0-9,6-9,3-4,3-3,9-3,2-0,21,51,01,5
Irland0,80,2-0,4-0,6-1,00,5-0,1-3,3-4,9-6,1-5,8-4,1-0,8-1,2-1,53,13,63,6
Eurozone0,70,3-0,8-0,10,60,31,00,40,40,3-0,60,40,50,82,22,83,33,8
(Quelle: OECD)

 

2. Konsequenzen der Eurokrise

Spanien, Irland und Portugal bekamen Finanzhilfen von den Ländern der Eurogruppe, von der EU und vom IWF unter der Bedingung, dass sie eine Reihe von Reformen durchführen:

  • Deregulierung des Arbeitsmarktes und Senkung der Löhne
  • Reduktion der Staatsausgaben
  • Sanierung des Bankensystems

Insbesondere in Irland und in Spanien waren nach schwierigen Jahren klare Erholungsanzeichen in der Wirtschaft zu erkennen.

In Frankreich und in Italien war die Banken- und Immobilienkrise zwar weniger ausgeprägt. Aber auch diese beiden Länder leiden unter einer zu niedrigen Wettbewerbsfähigkeit und hoher Arbeitslosigkeit und der Tatsache, dass sie ihre Währung nicht abwerten können. Da diese beiden „Schwergewichte“ ohne externe Finanzhilfe auskamen, war der Reformdruck von außen geringer als in Spanien, Irland und Portugal und innenpolitisch standen Reformvorhaben immensen Widerständen gegenüber.

 

3. Fazit aus der Eurokrise

  • Die „Eurokrise“ ist keine klassische Währungskrise (kein Leistungsbilanzproblem des Währungsraums als Ganzes, keine Währungsabwertung)
  • Durch die Euro-Einführung waren in den ehemaligen Weichwährungsländern plötzlich billige Krediten in großem Umfang verfügbar
  • Der darauffolgende Boom führte zu Immobilien- und Bankenkrise, zu überhöhten Löhnen und niedriger Wettbewerbsfähigkeit der ehemaligen Weichwährungsländer
  • Die Anpassungsprozesse sind ungleich langwieriger als vor der Euro-Einführung; daher hält auch die hohe Arbeitslosigkeit länger an
  • Dies führt zu einer langen Wachstumsschwäche und zu einer hohen Staatsverschuldung
  • Die EZB-Geldpolitik tut sich in dieser langen Wachstumsschwäche schwer, durch ihre ultra-lockere Geldpolitik die Konjunktur „anzukurbeln“ und eine Deflation zu vermeiden; sie muss auch im Auge behalten, dass es in den ehemaligen Hartwährungsländern wie Deutschland und den Niederlanden nicht zu einer Überhitzung kommt (siehe EZB und die Inflation)

 

4. Fazit für den Anleger

  • Die Eurokrise ist trotz ihres Namens keine klassische Währungskrise, da die Eurozone insgesamt nicht unter einem Leistungsbilanzdefizit litt und auch keine dramatische Währungsabwertung eintrat. (zum Thema Währungskrise siehe auch Währungen) Das Problem waren vielmehr die Leistungsbilanzdefizite einzelner Länder wie beispielsweise Spanien und Irland.
  • Die Eurokrise hat die strukturellen Probleme innerhalb der EWU schonungslos offengelegt, ohne dass dies den Euro-Wechselkurs nach außen besonders „beeindruckt“ hätte.
  • Die Risiken, die sich aus den oben beschriebenen „Konstruktionsfehlern“ der EWU ergeben, sind daher eigentlich keine Währungsrisiken, sondern äußern sich in Form der schwachen Gewinnentwicklung vieler europäischer Aktiengesellschaften und der Probleme im Immobilien- und Bankensektor, zum Beispiel durch Ausfälle bei Anleihen von Banken sowie durch Staatsanleihen einzelner Krisenländer.
  • Mehr als die Anleger sind die Leidtragenden bisher die Steuerzahler und auch das Heer von Arbeitslosen in den Krisenländern.
  • Allerdings scheint die Belastbarkeit der europäischen Steuerzahler – auch wenn man die Staatsverschuldung betrachtet – am Limit zu sein, so dass in Zukunft weniger auf den Staat gezählt werden kann. Dies ist auch an der Limitierung der Einlagensicherung auf € 100.000 zu erkennen.
  • Besonders aufmerken sollten Sie daher zum Beispiel, falls in den beiden Ländern Italien und Frankreich Krisenanzeichen zu sehen sein sollten. Die finanzielle Unterstützung dieser Länder bei einer großen Bankenrettung wie damals in Spanien könnte den Rahmen der Belastbarkeit der übrigen EU-Staaten sprengen.
  • Somit ist auch die Eurokrise ein Argument für eine globale Diversifikation der Anlagen.