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Branchen am Aktienmarkt

 

 

Chancen und Risiken einzelner Branchen (Sektoren) am Aktienmarkt

Grundsätzlich kann man natürlich fast mit jeder Aktie und auch mit jeder Branche am Aktienmarkt Gewinn erzielen, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt kauft und verkauft. Für Sie als Anleger geht es jedoch darum, die Chance auf einen Gewinn möglichst hoch und das Risiko eines Verlustes niedrig zu halten. Der Ansatz, mit dem dies in der Vergangenheit oft gelungen ist, ist der qualitätsorientierte Value-Ansatz. (siehe auch Strategien mit Aktien, 2.2.1. Value-Ansatz)

Es gibt Branchen, die aus der Sicht des qualitätsorientierten Value Investors viel attraktiver sind als andere. Dies sind Branchen…

  • mit relativ stabilen Erträgen
  • mit überdurchschnittlichen Gewinnmargen
  • deren Gewinnentwicklung vergleichsweise nachhaltig und berechenbar ist

 

 

Die Branchen im einzelnen

Der folgende Überblick ist strukturiert nach der Branchensystematik des MSCI Index.

1. Energie (Öl  und Gas)

Die großen multinationalen Öl- und Gaskonzerne bestehen meist aus zwei Bereichen:

  • Dem Upstream-Geschäft (Exploration und Förderung)
  • Dem Downstream-Geschäft (Raffinierien und Tankstellen)

Daneben gibt es auch viele Gesellschaften, die sich auf einen dieser beiden Bereiche konzentrieren.

Im Upstream-Geschäft setzt sich die Bewertung zusammen aus den aktuell produzierenden Quellen und den Reserven, die „im Boden“ liegen. Bei beiden sind die Förderkosten (bei Öl: pro Barrel) wichtig. In vielen Förderländern sind die Konzessionsvereinbarungen mit dem dortigen Staat so gestaltet, dass das Ölunternehmen bis zu einem gewissen Ölpreis einen hohen Anteil am Umsatz erhält und bei Preisen darüber hinaus der überwiegende Teil des Umsatzes oder Gewinnes an den dortigen Staat fließt. Daher ist die Umsatzentwicklung meist stabiler als die stark schwankenden Ölpreise vermuten lassen. Die Förderung wird allerdings tendenziell immer aufwendiger, so dass die Rentabilität der einzelnen Quellen mit den Ölpreisschwankungen oft stark schwankt. Dazu kommen auch Umweltrisiken, die die Unternehmen viel Geld kosten können (z.B. der Unfall auf der BP-Ölplattform Deepwater Horizon in 2010).

Der meist weniger bedeutende Downstream-Bereich ist durch ein Raffineriegeschäft geprägt, dessen Margen stark schwanken. Sie richten sich weniger nach dem Ölpreis, sondern nach der Kapazitätssituation am Markt. Diese ist unterschiedlich nach verschiedenen Produktsorten (Benzin, Diesel) und Rohstoffsorten (schweres und leichteres Rohöl). Daher kommt es sehr darauf an, welche Rohölsorte die Raffinierie verarbeiten kann und welche Produktsorte sie produziert. Die Raffineriemargen können auch stark ansteigen, wenn Kapazitäten am Markt aufgrund von Unfällen, Naturkatastrophen oder Revisionen vorübergehend außer Betrieb sind und es zu einer Knappheit kommt.

Insgesamt zählen die Aktien der großen Ölmultis aufgrund steigender Förderkosten und sinkender Ölpreise nicht mehr wie früher zu den „Witwen- und Waisenpapieren“ (besonders stabilen Titeln) an der Börse.

Die Ölservicegesellschaften, die z.B. Material für Bohrungen liefern oder zur Verfügung stellen, sind noch stärker ölpreisabhängig als die großen Konzerne, da in Zeiten niedriger Ölpreise die Förderaktivitäten meist stark zurückgefahren werden.

 

2. Grundstoffe

Die Chemieindustrie ist in Bezug auf ihre Margenentwicklung ähnlich wie die Erdölraffinierien sehr von der Kapazitätssituation am Markt abhängig. Allerdings gibt es für viele Chemieprodukte nur eine kleine Gruppe großer Anbieter, so dass der Wettbewerb meist nicht so intensiv ist wie in der Ölbranche. Daher ist die Rentabilität vieler Chemieunternehmen wesentlich attraktiver.

Besonders interessant für den langfristigen Investor ist die Branche der Technischen Gase. Diese eigentlich ziemlich langweilige Branche verzeichnet eine sehr stabile Nachfrage. Aufgrund der sehr hohen Transportkosten für die Gase sind die jeweiligen „Platzhirsche“ meist wenig Konkurrenz ausgesetzt. Zudem ist die Welt der Technischen Gase in der Hand von sehr wenigen großen Konzernen.

Ähnliche Eigenschaften hat auch die Zementbranche. Auch hier sind aufgrund der hohen Transportkosten die jeweiligen „Platzhirsche“ klar im Vorteil. Allerdings existieren hier neben den großen Konzernen noch eine Reihe von mittelgroßen Unternehmen, die mehr Wettbewerb ausüben als bei den Technischen Gasen. Insbesondere gilt dies in Regionen, die gut über nahegelegene Seehäfen beliefert werden können.

 

3. Industrie

Zu diesem sehr heterogenen Sektor gehört auch der Maschinenbau, der sich jedoch in viele Teilsegmente und Unternehmen von sehr unterschiedlicher Attraktivität aufteilt.

 

4. Langlebige Konsumgüter (Consumer Discretionary)

Diese Konsumgüterbranchen gelten als konjunkturabhängiger/ zyklischer, da die Kosumenten die Anschaffungen auch aufschieben können.

Die Automobilbranche gehört eigentlich zu den weniger attraktiven Branchen, da sie sehr kapitalintensiv ist und konjunkturabhängig. Dennoch hat sie einige sehr ertragreiche Jahre hinter sich. Inzwischen steht sie allerdings wieder von großen Herausforderungen:

  • Der Diesel-Abgas-Skandal könnte die Energiewende in der Autobranche beschleunigen
  • Die Energiewende ermöglicht es jungen Unternehmen wie Tesla, in den Automobilmarkt einzutreten
  • Das eigene Auto als Statussymbol verliert an Bedeutung; Car-Sharing wird beliebter
  • Aufgrund von Überkapazitäten hält der Preisdruck an

 

In der Luxusgüterbranche gelingt es manchen Unternehmen, mit imageträchtigen Produkten über viele Jahre hohe Margen zu erzielen. Wichtig zu analysieren ist jeweils, wie nachhaltig diese Produktimage jeweils sein kann und welche regionalen Märkte und Käuferschichten das Wachstum dieser Produkte treiben. Reizvoll ist auch die geringe Kapitalintensität der Branche.

 

5. Kurzlebige Konsumgüter (Consumer Staples)

Die großen Markenartikelkonzerne wie Nestlé, Danone, Unilever und Henkel bieten sowohl ein gewisses Ertragswachstum, eine hohe Rentabilität als auch eine relativ hohe Ertragsstabilität. Daher sind diese Aktien meist auch sehr teuer. Bisher ist noch nicht abzusehen, wie sich die Digitalisierung im Einzelhandel auf die Bedeutung der Markenartikel und die Margen der Hersteller auswirkt.

 

6. Gesundheit

Bei Pharmaunternehmen kommt es vor allem auf zwei Kompetenzen an: Forschung  & Entwicklung sowie Marketing & Vertrieb. Der Bewertung der Unternehmen setzt sich zusammen aus den aktuell verkauften Präparaten und der sogenannten Pipeline. Bei den aktuell verkauften Produkten ist die (restliche) Patentlaufzeit entscheidend, da anschließend Mengen und Preis meist massiv zurückgehen. Die Pipeline besteht im Wesentlichen aus den Produkten, die aktuell klinisch getestet werden. Für diese Produkte ist wichtig, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie zum Verkauf zugelassen werden und wie hoch die für diesen Fall erwarteten Umsätze sind. Je kleiner und je weinger diversifiziert das Produktportfolio des Unternehmens ist, desto eher sollte der Privatanleger dies den Profis überlassen. Dies gilt insbesondere für die Biotech-Unternehmen.

Unter den Medizintechnikunternehmen lassen sich zuweilen sehr innovative und profitable Nischenanbieter finden. Im Gegensatz zu dem verwandten Maschinenbau ist diese Branche weniger konjunkturabhängig und erzielt oft höhere Margen.

 

7. Finanzen

Die gesamte Finanzbranche hat in den letzten Jahren vieles von ihrer früheren Attraktivität eingebüßt. Banken und Versicherungen stehen aktuell gleich vor mehreren Herausforderungen:

  • die Digitalisierung krempelt nicht nur die Vertriebswege von Banken und Versicherungen um, sondern nach und nach auch ihre ganzen Geschäftsmodelle
  • die kleinen Fintechs stoßen gezielt in attraktive Geschäftssegmente der Banken vor
  • die Niedrigzinsphase stellt traditionelle Lebensversicherungsprodukte in Frage und führt zu niedrigeren Zinsmargen bei den Banken
  • die verschärften Eigenkapitalanforderungen der Bankenaufsicht erhöhen für die Banken die Eigenkapitalkosten

Relativ unbeeindruckt von den obengenannten Trends sind die Rückversicherer, die auch die Finanzkrise gut überstanden hatten. Allerdings führt auch in dieser in den letzten Jahren sehr profitablen Branche die Niedrigzinsphase zu Überkapazitäten im Markt. Die oligopolistische Marktstruktur (wenige große Anbieter prägen den Markt) spricht jedoch dafür, dass diese Branche auch längerfristig zu den attraktiveren gehören dürfte.

 

8. Informationstechnologie (IT)

Für diese Branche gilt ein Sprichwort ganz besonders: Nichts ist so beständig wie der Wandel. Ob sich Apple, Facebook und Google langfristig erfolgreich sind und ob Microsoft weiterhin seine Position behält, ist ein vieldiskutiertes Thema. Ehemalige Highflyer wie Nokia sind bereits fast vergessen. Dass es Unternehmen in diesem Sektor auch gelingen kann, sich neu zu erfinden, zeigt das Beispiel IBM. Für den langfristig orierntierten Value Investor bleibt diese Branche schwer greifbar. Der Software-Sektor bietet dagegen attraktivere Geschäftsmodelle, da die Kundenbeziehungen dort meist längerfristig sind und die Einnahmen besser kalkulierbar. Reizvoll ist auch hier die geringe Kapitalintensität.

 

9. Telekommunikation (Netzbetreiber)

Die großen Telecom-Netzbetreiber sind auch sehr dem technologischen Wandel ausgesetzt. Die früher dominierende Sprachtelefonie nimmt inzwischen sogar im Mobilfunk ab. Das zeitweise sehr profitable SMS-Geschäft gehört schon fast der Vergangenheit an. Und in dem wichtigen Festnetz-Internet-Bereich machen sich zunehmend die Kabelfernsehanbieter breit. Dazu kommt eine nach wie vor sehr strenge Regulierung, die nach und nach die letzten profitablen „alten Zöpfe“ abschneidet wie die hohen Roaming-Gebühren innerhalb von Europa.

 

10. Versorgungsunternehmen (Strom, Gas, Wasser)

Die Aktien der Energieversorgungsunternehmen galten früher als die klassischen „Witwen- und Waisenpapiere“. Inzwischen hat sich auch hier die Welt verändert. Die Anbieter von Wind- und Solarstrom drängen in den Strommarkt. Die früher sehr profitablen Kernkraftwerke werden nach und nach stillgelegt und Kohlekraftwerke dienen mehr und mehr als „Lückenbüßer“ für windstille Phasen, so dass deren Auslastung auch stark zurückgegangen ist. Recht stabil ist noch der Betrieb der Hochspannungsnetze und der Verteilernetze. Diese sind jedoch streng reguliert und haben auch teilweise hohen Investitionsbedarf. In anderen Ländern gelten teilweise andere Spielregeln. Aber da sich auch dort die Branche wandelt, ist besondere Sorgfalt bei der Aktienauswahl erforderlich.

 

Fazit:

Insgesamt wird man als qualitätsorientierter Value Investor tendenziell eher in folgenden Branchen fündig:

  • Chemie, Technische Gase, Zement (und Bauzulieferer)
  • Luxusgüter
  • Markenartikel-Konzerne (wie Nahrungsmittel)
  • Pharma, Medizintechnik
  • Rückversicherer
  • Software

Dazu kommen Handels- und Dienstleistungsunternehmen aus den verschiedensten Sektoren, unter denen man zuweilen sehr attraktive Unternehmen finden kann.

Zur eigentlichen Aktienauswahl lesen Sie bitte auch Aktienauswahl und Aktienanalyse.