TARGET2-Salden

 

1. Das TARGET2 – System der EZB

Das TARGET2-System ist ein Zahlungsverkehrssystem, über das nationale und grenzüberschreitende Zahlungen in Zentralbankgeld in der Eurozone abgewickelt werden. Über TARGET2 fließen täglich ca. 350.000 Zahlungen im Wert von rund 1,7 Billionen Euro. Bei grenzüberschreitenden Zahlungen innerhalb der Europäischen Währungsunion laufen die Zahlungen jeweils vom überweisenden Bankkunden über seine Geschäftsbank und deren nationale Notenbank, dann über die Notenbank des Empfängerlandes, die Geschäftsbank des Zahlungsempfängers und werden dann dem Konto des zahlungsempfangenden Bankkunden bei seiner Geschäftsbank gutgeschrieben.

Am Ende jedes Geschäftstages werden alle Zahlungen saldiert. Daraus ergeben sich dann die Verrechnungssalden der einzelnen Notenbanken gegenüber dem TARGET-System. Beispielsweise hat seit Jahren die Deutsche Bundesbank eine Forderung gegenüber dem TARGET2-System, während die Notenbanken von Italien und Spanien eine Verbindlichkeit gegenüber dem System haben. Der starke Anstieg dieser Salden hat unter Wissenschaftlern, Notenbanken, Politikern und am Finanzmarkt seit Jahren Diskussionen ausgelöst. Es besteht keine Einigkeit über die Ursachen und die Konsequenzen dieser Salden.

 

2. Entwicklung der TARGET2-Salden

in Mrd. Euro

TARGET2 Salden sind stark angestiegenDatenquelle: EZB

 

3. Ursachen für die Ausweitung der TARGET2-Salden

Dass die Anleihekäufe der EZB und ihrer Mitgliedszentralbanken die TARGET2-Salden aufblähen, behauptet die Deutsche Bundesbank und die EZB. Dies geschieht dadurch, dass die Zentralbanken diese Anleihen teilweise von internationalen Investoren erwerben mit Sitz außerhalb der Eurozone, die allerdings vorzugsweise ihre Euro-Konten bei deutschen Geschäftsbanken unterhalten und denen der Gegenwert ihrer Anleiheverkäufe dort gutgeschrieben wird. Für diese Erklärung von EZB und Bundesbank spricht dagegen aus meiner Sicht die Tatsache, dass das kleine Luxemburg mit Abstand die zweitgrößte Forderung hat. Dieses Land ist ein beliebter Standort für internationale Investoren, vor allem für Fonds. Die Forderungsposition von Luxemburg ist viel größer als die der Niederlande. Allerdings würde dieser Effekt nach meinem Verständnis nur dann die TARGET2-Salden nachhaltig aufblähen, wenn diese Investoren die Verkaufserlöse nicht wieder in andere Wertpapiere innerhalb oder außerhalb der Eurozone anlegen würden, sondern einfach auf den Konten geparkt lassen. Daher sollte er eigentlich die Aufblähung der Salden nur in den Phasen erklären, in denen wirklich Anleihekäufe in großen Volumina getätigt werden.

Ein weiterer Grund für den Aufbau der TARGET2-Forderungen durch die Bundesbank ist vermutlich sicher auch der seit Jahren hohe Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands. Die TARGET2-Forderung stellt in etwa 10% der Nettoauslandsvermögensposition von Deutschland dar. Allerdings erklärt die Leistungsbilanz nicht die hohe Verbindlichkeit Italiens, da Italien jahrelang Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftet hat.

Ein aus meiner Sicht wichtiger Grund für die hohen Salden ist, dass die deutschen Privatleute seit Jahren hohe und zunehmende Beträge auf Spar-, Giro-, Tages- und Termingeldkonten halten, weil Anlagen in Anleihen nur noch gering verzinslich sind, sie den Schritt in die Aktienanlage scheuen und die Anlage in Immobilien gerade aus den verschiedensten Gründen nicht opportun erscheint oder das Kapital dafür einfach nicht ausreicht. In der Anfangszeit der EWU, vor der Finanz- und Eurokrise, wurde noch viel Privatvermögen in Anleihen, Sparbriefen und Pfandbriefen gehalten. Dies hat sich durch den Zinsrückgang während der Finanzkrise anschließend kaum noch gelohnt, so dass seitdem die meisten „festverzinslichen“ Anlagen einfach praktisch zinslos auf den Bankkonten geparkt werden.

Einige Kommentatoren betrachten „Kapitalflucht“ als Grund für die hohen Forderungen der Bundesbank. Allerdings wird in der Praxis zumindest von der Bundesbank kaum beobachtet, dass italienische und spanische Privatanleger ihr Geld auf Konten bei deutschen Banken deponieren. Währenddessen tun dies Investoren aus Drittländern, wie oben beschrieben.

 

4. Mögliche Folgen und Risiken aufgrund der TARGET2 Salden

Die seit Jahren hohen TARGET2-Salden hatten bislang keine greifbaren volkswirtschaftlichen Folgen. Allerdings sollte man schon konstatieren, dass im Falle eines Austritts eines Landes aus der Europäischen Währungsunion die Zentralbank des austretenden Landes den Saldo ausgleichen müsste. Dies hat auch der ehemalige EZB-Präsident Draghi festgestellt. Jedoch ist ein Austritt aus der EWU (im Gegensatz zu einem Austritt aus der EU wie der BREXIT) nicht vorgesehen. Falls ein Austritt eines wettbewerbsschwachen Landes erfolgen sollte, dessen wieder neu eingeführte nationale Währung sich relativ zum Euro abwerten sollte, könnte dies die Rückzahlung einer Verbindlichkeit in Euro zusätzlich erschweren.

 

5. Fazit

Sowohl Ursachen als auch mögliche Konsequenzen der stark gestiegenen TARGET2-Salden sind bislang umstritten. Für den Fall eines Austritts eines Landes mit hohen TARGET2-Verbindlichkeiten aus der EWU ergibt sich jedoch das Risiko, dass diese Verbindlichkeit nicht rechtzeitig oder auch nicht vollständig zurückbezahlt werden kann. Diese Risiko müsste jedoch quotal (also nach Beteiligungsquote an der EZB) von den verbleibenden Ländern getragen werden und nicht allein von den Ländern, die TARGET2-Foderungen haben.

 

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28.08.2020|Tags: , , |

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