Dummes deutsches Geld?

1. Warum „dummes deutsches Geld“?

Kurz vor der Finanzkrise waren einige deutsche Großanleger und Banken bekannt dafür, dass sie besonders gern auch dann noch in sehr risikoreiche amerikanische Hypothekenanleihen investierten, als viele Marktteilnehmer diese schon längst mieden. Kurz darauf kam die Finanzkrise 2008/9, in deren Mittelpunkt diese Hypothekenanleihen standen. Aufgrund dieser und anderer Anekdoten zum unprofessionellen Verhalten deutscher Anleger im Ausland hat sich über die Jahre der Begriff „Dummes deutsches Geld“ an den Finanzmärkten etabliert. Leider sind diese Anekdoten nur die „Spitze des Eisbergs“. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat das Thema näher untersucht.

 

2. Hohes Auslandsvermögen

Deutschland gehört seit Jahren nicht nur zu den Exportweltmeistern, sondern auch zu den Kapitalexportweltmeistern. Der schon seit 1950 hohe Leistungsbilanzüberschuss ist über die Zeit nicht nur absolut, sondern auch in % des BIP weiter angestiegen. Nur in den 1990er Jahren wurde diese Entwicklung – bedingt durch die Finanzierung der Einheit – über einige Jahre unterbrochen, allerdings nur durch moderate Defizite. Das insgesamt aus den Überschüssen entstandene Nettoauslandsvermögen (Vermögen abzüglich Verbindlichkeiten) beläuft sich inzwischen auf über € 2 Billionen und liegt damit weltweit an zweiter Stelle hinter Japan. Das Auslandsvermögen (brutto) insgesamt liegt bei ca. € 10 Billionen. Davon entfällt in etwa die Hälfte auf private Haushalte und Unternehmen, während der Rest bei Banken, Zentralbank und Staat liegt. Die vieldiskutierten TARGET2-Forderungen der Bundebank machen übrigens nur ca. 10% des Auslandsvermögens aus.

 

3. Nachhaltig niedrige Rendite auf deutsches Auslandsvermögen

Über Jahrzehnte wurde auf das deutsche Auslandsvermögen eine wesentlich niedrigere Rendite erwirtschaftet als auf das Auslandsvermögen anderer Länder.

 

Anlagerendite auf das Auslandsvermögen in % pro Jahr

(Durchschnitt über den Zeitraum)

Deutschland mit niedrigster Rendite auf Auslandsvermögen

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: wie unten

 

4. Gründe für die niedrige Renditen

In den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg bis in die 1990er Jahre spielte sicher die nachhaltige Aufwertung der DM gegenüber den meisten Währungen eine wichtige Rolle, die es deutschen Anlegern erschwerte, im Ausland hohe Renditen zu erzielen. Dieser Grund kann aber in den letzten 20 Jahren nicht mehr angeführt werden.

Ein zweiter möglicher, auch untersuchter Grund ist die Allokation der Anlagen, beispielsweise der %-Anteil, der in Aktien. Aus der Studie resultiert, dass auch dies, also beispielsweise eine zu vorsichtige Anlagestrategie mit zu wenig Aktien, die niedrigen Renditen nicht erklären kann.

Dagegen resultiert die Differenz in erster Linie aus den Renditen innerhalb der Anlageklassen. Dies gilt insbesondere für die Anlageklassen Aktien und Direktinvestitionen (Unternehmensinvestitionen und Immobilien).  Dies bedeutet, dass andere Länder in ihrer Anlage in ausländischen Aktien wesentlich erfolgreicher waren. Andererseits gilt es für Direktinvestitionen, da andere Länder bei Investitionen ihrer Unternehmen im Ausland (also in Tochtergesellschaften, Zweigwerken oder Niederlassungen) erfolgreicher waren.

 

5. Unterschiede im Anlageverhalten

Gründe für die geringere Rendite der Deutschen bei Aktien und Direktinvestitionen waren vermutlich:

  • Die prozyklische „Aktienstrategie“ vieler deutscher Anleger: Anlage in US-Technologieaktien um das Jahr 2000 und anschließender Rückzug nach dem Kursverfall
  • Die Anlagen vieler deutscher Privatleute in Schiffsfonds, die durch Schaffung eines Überangebots von Schiffen zu einer Krise der globalen Containerschiffahrt geführt haben
  • die Übernahmepolitik einiger großer deutscher Unternehmen (Kostspielige Übernahmen im Ausland durch die Großbanken, die Deutsche Telekom, RWE und Eon in den 1990er Jahren, Übernahme von Monsanto durch Bayer).

Die Renditen der USA im Ausland waren langfristig besonders hoch. Pensionsfonds aus den USA verfügen schon lange über eine Tradition langfristiger Aktienanlage im Ausland, während deutsche Lebensversicherer und Pensionskassen aufgrund ihrer Zinsgarantien weitgehend auf festverzinsliche Anlagen beschränkt sind. Zudem operieren US-amerikanische Unternehmen wie Google, Apple und Microsoft im Ausland sehr ertragreich, ohne besonders viel Geld im Ausland investieren zu müssen. Dies dürfte die Misserfolge amerikanischer Unternehmen in Deutschland („Deutschland-Ausflug“ von WAL-MART und sowie langjährige Verluste von General Motors bei Opel) weit überkompensieren.

Auch die anderen Länder, die in der Grafik hohe Renditen im Ausland aufweisen, haben eine Tradition umfangreicher professioneller Aktieninvestments ihrer Pensionsfonds im Ausland.

 

6. Höhere Renditen der Deutschen im Inland

In der Studie wurde auch festgestellt, dass das im Inland investierte Vermögen wesentlich höhere Renditen erwirtschaftete als das Auslandsvermögen. Allerdings ist es für ein Überschussland wie Deutschland volkswirtschaftlich betrachtet nicht möglich, das Geld nur im Inland zu investieren. In dem theoretischen Fall, dass dies versucht würde, käme es zu einer exzessiven Aufwertung des Euro, der die Wirtschaft der Eurozone zu stark belasten würde. Die Anlage der Leistungsbilanzüberschüsse im Ausland ist sozusagen „alternativlos“, solange sie anfallen.

 

7. Fazit

Deutschland verfügt über ein sehr hohes Auslandsvermögen, nutzt dies aber nicht effizient. Dies ist aus volkswirtschaftlicher Sicht eine enorme Verschwendung. Wenn die Rendite auf das deutsche Auslandsvermögen in der Dekade seit 2008 das Niveau der USA oder Kanadas erreicht hätte, hätte dies einen zusätzlichen Vermögenszuwachs von € 2 Billionen bedeutet, wobei auch der Zinseszinseffekt zum Tragen kommt.

Um das Auslandsvermögen effizienter zu nutzen, wären folgende Schritte sinnvoll:

  1. Das System der staatlich geförderten Betrieblichen und Privaten Altersvorsorge sollte so umgestellt werden, dass die Gelder rentabel (im In- und Ausland) investiert werden können. Hierzu liegt ein Positionspapier vor von der CFA Society Germany. Bitte lesen Sie dazu: Altersvorsorge-eine Reform ist dringend notwendig
  2. Die Finanzbildung der Bevölkerung sollte gesteigert werden, um die Anleger zu sensibilisieren für eine unter Risiko-Rendite-Gesichtspunkten sinnvolle Anlage. Dazu dient auch diese Internetseite anlagewissen.com
  3. Die deutsche Politik sollte es in Zukunft vermeiden, dass die Schaffung von Überkapazitäten in einer Branche steuerlich gefördert wird. Deutsche Schiffsfonds hatten vor einigen Jahren zu einem erheblichen Überangebot von Containerschiffen auf den Weltmeeren beigetragen. Die Folge war eine Krise der Schiffahrt und mehrerer beteiligter Banken. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der weltweiten Containerflotte von deutschen Anlegern finanziert wurde. Zu diesem Thema: Wie Anleger mit Steuersparmodellen Geld versenken
  4. Die großen deutschen Unternehmen sollten Übernahmen im Ausland in Zukunft kritischer prüfen und sich die typische Vorgehensweise von Familienunternehmen zum Vorbild nehmen. Diese ist in dem aktuellen Artikel Familienunternehmen sind das bessere Investment beschrieben. Eine Stellschraube wäre dabei die Entlohnung der Manager, die stärker auf den längerfristigen Unternehmenserfolg ausgerichtet werden sollte.

 

Quelle:

Kiel Working Paper, „Expotweltmeister: The low returns on Germany’s Capital Exports, Franziska Hünnekes, Moritz Schularick, Chrisoph Trebesch, July 2019

 

 

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