Weltwirtschaft und Coronavirus – Fortsetzung

1. Warum ist das aktuelle Coronavirus COVID-19 so problematisch?

Die meisten Politiker und Kapitalmarktteilnehmer und selbst namhafte Virologen hatten das Virus noch im Februar unterschätzt. Während man vielleicht noch darüber diskutieren kann, ob das Coronavirus gesundheitlich wirklich gefährlicher ist als eine „normale Grippe“, hat sich die besonders schnelle Ausbreitungsgeschwindigkeit sicherlich als eine besondere Eigenschaft herausgestellt.

 

2. Die staatlichen Maßnahmen

Die wichtigste Herausforderung ist daher, alle Infizierten angemessen medizinisch zu versorgen. Dies geschieht durch zwei Maßnahmen:

  • Die Kapazitäten für künstliche Beatmung (sowie die Testkapazitäten) massiv zu erhöhen und das medizinische Personal mit geeigneter Schutzkleidung auszustatten
  • Die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen durch „Social Distancing“ sowie Erfassung und Quarantäne aller Infizierten, auch bei „leichtem Verlauf“

Die Maßnahme mit der wirtschaftlich mit Abstand größten Tragweite ist das „Social Distancing“ Während die anderen Maßnahmen zwar sehr entscheidend sind, fallen sie von den Kosten her für die Volkswirtschaft kaum ins Gewicht.

Ein Beispiel dafür, dass die Verlangsamung der Ausbreitung durch „Social Distancing“ sich lohnt, ist der Vergleich der Städte Philadelphia, Pennsylvania. und St. Louis, Missouri in den USA während der Spanischen Grippe 1918. In St. Louis wurden Schulen, Kirchen und Bibliotheken über mehrere Wochen geschlossen und öffentliche Veranstaltungen verboten, während in Philadelphia sogar noch eine große Parade abgehalten wurde. Die Zahl der Toten lag in Philadelphia bei 12.000 innerhalb von eineinhalb Monaten, in St. Louis bei 700. Bereinigt um den Unterschied in der Bevölkerungszahl lag sie in Philadelphia 8mal so hoch wie in St. Louis, wo sich die Epidemie auf 3 Monate verteilte.

 

3. Die wirtschaftlichen Auswirkungen

Aus dem „Social Distancing“ ergeben sich u.a. folgende wirtschaftliche Auswirkungen:

  • Dienstleistungen: Umsatzausfälle und damit Existenzprobleme der Unternehmen in den Branchen Einzelhandel, Hotels, Gastronomie, Fluggesellschaften sowie in allen Bereichen, die bei sportlichen und musikalischen Ereignissen beteiligt sind
  • Industrie: Versorgungsprobleme mit Vorprodukten aus China und anderen Ländern sowie Nachfragerückgang aufgrund des verschlechterten Konsumklimas (wegen Verlust von Arbeitsplätzen und Umsatzausfällen)
  • Banken: Die Existenzprobleme vieler Unternehmen führen potentiell zu Kreditausfällen und stellen das ohnehin mit Strukturproblemen kämpfende Bankensystem vor eine Belastungsprobe

 

4. Auswirkungen auf die Kapitalmärkte

Die meisten Kapitalmarktteilnehmer sind vom Ausmaß der Pandemie sicherlich überrascht worden. Die wichtigsten Reaktionen waren:

  • Massive Kurseinbrüche an den Aktienmärkten, zunächst in den besonders betroffenen Branchen, später jedoch durch alle Sektoren
  • Anstieg der Risikozuschläge südeuropäischer Staatsanleihen wie z.B. von Italien
  • Kapitalabzug aus Schwellenländern und Verfall vieler Währungen wie z.B. von Indien, Indonesien und der Türkei
  • Einbruch des Ölpreises mit potentiell dramatischen Folgen für die Ölexportländer
  • Zahlungsbilanzprobleme vieler Länder; knapp 80 Länder haben inzwischen Hilfe beim IWF (Internationalen Währungsfonds) beantragt

 

5. Fazit für die Wirtschaft

Von vielen Kommentatoren wird die aktuelle Pandemie-Krise mit der Finanzkrise 2008/9 verglichen. Allerdings bestehen hier große Unterschiede.

Zunächst einmal ist die Rezession, in der sich die Wirtschaft nun befindet, angebotsgetrieben, da die Betriebe (=Anbieter) zwangsweise geschlossen sind, obwohl die Nachfrage nach ihren Produkten vorhanden wäre. Die Industrie leidet unter Lieferproblemen, also auch unter „Angebotsmangel“. Insofern ist die Situation eher vergleichbar mit einem Generalstreik, also der plötzlichen Unterbrechung vieler wirtschaftlicher Aktivitäten. Die Konsumenten werden also daran gehindert zu konsumieren.

Insofern sollte sich nach Beendigung des staatlich verordneten „social distancing“ die wirtschaftliche Aktivität prinzipiell wieder rasch erholen. Es ist sogar noch ein Nachholeffekt denkbar, weil im Einzelhandel aufgeschobene Käufe getätigt werden, falls dies nicht online geschehen ist.

Allerdings sind auch konjunkturdämpfende Effekte zu erwarten:

  • Die komplexen globalen Lieferketten werden eine Anlaufzeit benötigen
  • Viele Konsumenten haben wegen Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit weniger Kaufkraft
  • Geringere Nachfragen aus den Exportmärkten, die auch von Corona betroffen sind
  • Viele Unternehmen sind inzwischen in Insolvenz gegangen oder müssen aufgrund von Liquiditätsengpässen Kosten sparen
  • Viele, vor allem ältere Bürger werden freiwillig in einer zumindest tendenziellen Quarantäne bleiben
  • Vor allem die „Event-Branchen“ und Teile der Touristikbranche dürften sich nur zeitversetzt oder langsamer erholen

Insgesamt wird inzwischen von einem Rückgang des BIP von 5% und mehr in 2020 gerechnet. Die staatlichen Hilfsprogramme sind weniger als Konjunkturprogramme zu verstehen, da es ja zunächst an der Nachfrage nicht fehlt. Sie dienen eher dazu, Unternehmen vor der Insolvenz zu schützen, damit sie „nach Corona“ wieder ihre Geschäfte aufnehmen können.

 

6. Fazit für den Anleger

Entscheidend für die weitere Entwicklung ist wohl, wie lange die restriktiven Maßnahmen des „social distancing“ in den verschiedenen Ländern in Kraft bleiben. Davon hängt es ab, wie viele Unternehmen insolvent werden. Für Aktienanleger ist es daher noch wichtiger als sonst, Unternehmen mit einer soliden Bilanz und ausreichend Liquidität im Depot zu haben. Einzelne Unternehmen könnten nach der Krise davon profitieren, dass ihre Konkurrenten in Insolvenz gegangen sind. Insgesamt stellt das aktuelle Kursniveau aber bei sehr vielen Aktien eine gute Kaufgelegenheit dar.

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