Rente mit 69?

1. Kurzfristig günstige Lage der Rentenversicherung

Seit mehreren Jahren geht es der gesetzlichen Rentenversicherung gut. Aufgrund der gestiegenen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung und des Wachstums bei den Löhnen sind die Einnahmen der Rentenversicherung deutlich angestiegen. Die Zahl der pflichtversicherten Beschäftigten ist im Zeitraum 2007-17 um 18% gestiegen, während die Zahl der Rentner nur um 7% zunahm. Insbesondere verdoppelte sich von 2007 bis 2018 die Erwerbstätigenquote der 60-64-jährigen auf 60%.

Dies wurde von der Politik für verschiedene Wahlgeschenke genutzt (Mütterrente, Rente mit 63, Grundrente). Allerdings läßt eine Vollbeschäftigungssituation wenig Spielraum für eine weitere Verbesserung der Beschäftigung und zudem geht das Wirtschaftswachstum derzeit wieder zurück, so daß negative Folgen für die Beschäftigung zu erwarten sind. Mit anderen Worten: Die guten Jahre in der Rentenversicherung sind bald vorbei.

 

2. Demographische Herausforderungen

Die demographischen Trends in Deutschland sind allgemein bekannt: Niedrige, wenn auch etwas gestiegene Geburtenraten; steigende Lebenserwartung; geburtenstarke Jahrgänge nahe am Rentenalter. In den kommenden 10 Jahren wird bereits ein großer Teil der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Dadurch fallen von diesen Personen Beiträge weg und es müssen zeitgleich Renten bezahlt werden. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben geht also nach beiden Seiten auf. Als dritter chronischer Faktor nimmt die Lebenserwartung weiter zu.

Der sogenannte Altersquotient, also die Zahl der Personen über 65 im Verhältnis zur Zahl der Personen zwischen 20 und 65 Jahren soll in Deutschland von 38% aktuell auf 45 bis 52% in 2035 ansteigen; Jeder Berufstätige muss also für ca. 20-30% mehr Rentner aufkommen als aktuell. Dass dies zu einer großen Belastung für die Rentenversicherung führen wird, liegt auf der Hand.

 

3. Simulation der langfristigen Entwicklung

Die Bundesbank hat eine Simulation durchgeführt, bei der insbesondere die Auswirkungen der demographischen Veränderungen errechnet werden sollen.

Dabei hat sie folgende zentrale demographische Annahmen getroffen:

  1. Geburtenrate: Diese wird konstant auf dem heutigen Niveau bei 1,55 Kindern je Frau angenommen
  2. Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren: Steigt nach Annahmen der Deutschen Bundesbank von 84,4 Jahren aktuell auf 89,0 Jahre in 2070
  3. Nettomigration (Zuwanderung abzüglich Abwanderung): Sinkt von 400.000 pro Jahr in 2018 auf 206.000 in 2026 und bleibt auf diesem Niveau konstant

 

Die Bundesbank hat die Auswirkungen dieser demographischen Annahmen für folgende drei Stellgrößen in der Rentenversicherung errechnet:

  1. Beitragssatz: Wieviel % von Lohn/Gehalt müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber für die Rentenversicherung aufwenden?
  2. Versorgungsniveau: Wie hoch ist die Rente in % vom durchschnittlichen Beschäftigtenentgelt (Lohn/Gehalt)
  3. Bundesmittel: Wieviel Zuschüsse muss der Bund an die Rentenversicherung zahlen, gemessen in % der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung (ähnlich wie Bruttoinlandsprodukt/ BIP)

 

Die Simulation der Bundesbank basiert auf der aktuellen Rechtslage in der Rentenversicherung und ergab mit den obigen demographischen Annahmen folgende Ergebnisse:

 

Ergebnisse der Bundesbank-Simulation für die wichtigen Stellgrößen

 201820352070
Versorgungsniveau (%)484440
Beitragssatz (%)18,52426
Bundesmittel (%)3,34,45,1

 

4. Die doppelte Haltelinie

2018 wurde die doppelte Haltelinie eingeführt: Versorgungsniveau (Renten im Verhältnis zu den Durchschnittslöhnen)  und der Beitragssatz bleiben bis 2025 konstant. Die Bundesbank hat eine Verlängerung der doppelten Haltelinie simuliert: Falls die sogenannte doppelte Haltelinie über 2025 hinaus beibehalten würde, also Beitragssatz und Versorgungsniveau unverändert bleiben, müsste der Bund in 2035 8% und in 2070 11% der Bruttowertschöpfung (ähnlich Bruttoinlandsprodukt/ BIP) für die Rentenversicherung aufwenden gegenüber aktuell 3,3%: Aktuell gehen 30% des Bundeshaushaltes an die Rentenversicherung; dies würde sich dann also auf 70% des Bundeshaushaltes in 2035 steigern und in 2070 auf 100% (wenn sich der Bundeshaushalt entsprechend entwickelt). Damit wäre für alle anderen Ausgaben im Bundeshaushalt nichts mehr übrig. Es liegt auf der Hand, dass eine Verlängerung der doppelten Haltelinie ohne andere Maßnahmen (wie beispielsweise eine Erhöhung des Renteneintrittsalters) nicht in Frage kommt.

 

5. Die Rente mit 69

Die Deutsche Bundesbank hat aufgrund dieser Ergebnisse auch Simulationen durchgeführt, in denen das Renteneintrittsalter, das bis 2030 auf 67 steigt und bisher danach unverändert bleiben soll, bis 2070 allmählich auf 69,5 Jahre ansteigt. Das Argument der Bundesbank dafür ist, dass dann in etwa die Dauer der Erwerbstätigkeit und die Rentenbezugsdauer gleichmäßig mit der Lebenserwartung steigen. Sie plädiert dafür, dass das Verhältnis von der Dauer der Erwerbstätigkeit und der Rentenbezugsdauer gleich bleibt.

Bei diesem allmählichen Anstieg des Renteneintrittsalters würden die drei Stellgrößen (Versorgungsniveau, Beitragssatz und Bundesmittelanteil) ab 2035 recht stabil bleiben.

 

6. Fazit

Die Analyse der Bundesbank illustriert die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Rentenversicherung sehr gut. An welchen Stellschrauben die Politik in Zukunft drehen will, ist ziemlich offen. Die Möglichkeiten, staatliche Zuschüsse zu erhöhen oder die Beiträge anzuheben, sind sicher begrenzt. Klar ist daher der Trend in Richtung weniger Rente oder höheres Renteneintrittsalter. sowie vermutlich auch höhere Beiträge.

Falls die Politik zur Bekämpfung der Altersarmut besonders die niedrigen Renten im Blick haben sollte, könnten die Renten der „Besserverdienenden“ unter unter den Beitragszahlern der gesetzlichen Rentenversicherungden sogar überproportional sinken. Dies ist nicht abwegig, da der politische Druck in die Richtung eines staatlich bereitgestellten Existenzminimums zunimmt. Diese Gruppe der „Besserverdienenden“ unter den zukünftigen Rentnern sollte daher in besonderem Maße die private Vorsorge forcieren. Der Staat sollte die Förderung der zweiten und der dritten Säule konsequent reformieren und dramatisch verbessern, damit zumindest diese Mittelschicht der Gefahr der Altersarmut entgehen kann und nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein wird. Dies ist vor allem deswegen wichtig, weil die Mittel aus dem Staatshaushalt und der gesetzlichen Rentenversicherung zunehmend benötigt werden, um die Altersarmut der Einkommensschwachen zu bekämpfen.

 

Einerseits zeigen diese Betrachtungen den dringenden politischen Handlungsbedarf für die Reform der zweiten und der dritten Säule, also der geförderten betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Lesen Sie auch Altersvorsorge – eine Reform ist dringend notwendig

Andererseits ist klar zu erkennen, wie wichtig eine private Altersvorsorge ist, ob staatlich gefördert oder nicht. Beginnen sollte man bei der privaten Altersvorsorge mit einer  Vermögensplanung.

 

Quelle: Langfristige Perspektiven der gesetzlichen Rentenversicherung, Bundesbank Monatsbericht Oktober 2019

31.10.2019|

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