Zeitenwende bei der EZB

1. Außergewöhnliche Mittel nach der Finanzkrise

Die EZB hatte nach der Finanzkrise zu neuen und bislang ungewöhnlichen Mitteln gegriffen, um die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen und die Deflation zu vermeiden. Neu waren insbesondere die Anleihekäufe. Sowohl die amerikanische Fed als auch die EZB kauften über mehrere Jahre seit der Finanzkrise gigantische Beträge an Anleihen staatlicher und privater Schuldner auf, um sie bis zur Endfälligkeit im Bestand zu halten.  Dazu kam, dass die Leitzinsen von der EZB in den negativen Bereich gesenkt wurden, so dass  die Banken der Zentralbank sogar etwas bezahlen müssen, wenn sie Geld bei der Zentralbank halten.

2. Warum diese außergewöhnlichen Mittel ?

Die Stabilität der Währung zu sichern ist sicher die wichtigste Aufgabe der Notenbanken. Das bedeutet zunächst die Vermeidung von Inflation. Die EZB hat sich dennoch eine Inflationsrate von unter 2% zum Ziel gesetzt. Warum nicht 0%? Stabilität der Währung heißt nicht nur die Vermeidung von Inflation, sondern auch von Deflation. Deflation (fallende Verbraucherpreise) ist deswegen gefährlich, weil die Verbraucher und Unternehmen dann nicht wie normalerweise stabile oder leicht steigende Preise erwarten, sondern fallende Preise. Wenn Verbraucher und Unternehmen auf breiter Front fallende Preise erwarten, schieben sie Anschaffungen aller Art nach Möglichkeit auf, so dass die Nachfrage massiv einbricht, Industrieproduktion stark zurückgeht und es zu Massenarbeitslosigkeit kommt. Dies war insbesondere in der Weltwirtschaftskrise 1929 – 33 zu beobachten. In den Jahren während und nach der Finanzkrise waren Deflationstendenzen zu beobachten, gegen die die Notenbanken nach den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise entschlossen vorgingen.

 

Inflationsrate in der Eurozone (% gegenüber Vorjahr)

 

Inflation in der Eurozone in 2019 wieder niedriger

 

 

3.Rückkehr zu den Anleihekäufen nach einer Phase der Normalisierung

Da sich die Konjunktur in den USA und der Eurozone in den Jahren nach der Finanzkrise wieder erholte, wurden die Anleihekäufe zuerst in den USA und zuletzt in der Eurozone wieder eingestellt. Bis vor kurzem konnte der Eindruck entstehen, dass sich die Geldpolitik der Zentralbanken allmählich wieder normalisiert. Die zuletzt wieder nachlassende Konjunktur und die „zu“ geringe Inflation haben allerdings wieder zu einer Trendwende geführt.

 

Nachdem die Inflationsrate einige Zeit im Bereich des Ziels von 2% lag, hat sie sich In den letzten Monaten wieder eher um 1% bewegt. Außerdem deuten die Indikatoren darauf hin, dass die Konjunktur sich deutlich abschwächt. Während im Dienstleistungsbereich der Eurozone eine Wachstumsverlangsamung zu beobachten ist, deutet sich in der Industrie ein Einbruch an, der sicher teilweise auf die Handelskonflikte und den BREXIT zurückzuführen ist. Daher hat die EZB den Leitzins von -0,4% auf -0,5% gesenkt. Die Banken müssen also noch mehr „Negativzins“ bezahlen, um ihr Geld bei der Zentralbank anzulegen. Außerdem hat die EZB das Anleihekaufprogramm wieder aktiviert. Zuletzt hatte sie nur noch die Tilgungsbeträge aus fälligen Anleihen und die Zinseinnahmen wiederangelegt. Ab November wird sie wieder monatlich € 20 Mrd. an Anleihen zusätzlich am Markt kaufen.

Die Zinssätze will die EZB so lange auf diesem niedrigen Niveau lassen, bis die Inflationsrate wieder nahe 2% liegt. Und auch erst kurz davor will sie die Netto-Anleihekäufe wieder einstellen.

 

4. Fazit

 

Viele Kapitalmarktteilnehmer hatten sicher gehofft, dass das Instrument der Anleihekäufe auch in der Eurozone nach einer „Ausnahmephase“ aufgrund der letzten Finanzkrise und der Eurokrise vorerst nicht mehr genutzt werden muss und dass auch bald die Phase der Negativzinsen endet. Dies hat sich nun sehr schnell geändert. Die Konjunkturschwäche und die niedrige Inflationsrate haben die EZB zu einem Kurswechsel bewogen. Eine EZB mit negativen Leitzinsen und einem fortwährenden Anleihekaufprogramm scheint schon allmählich zum Alltag zu gehören.

Für Anleger bedeutet das, daß die Niedrigzinsphase vermutlich noch mehrere Jahre anhält, so daß man, abgesehen von Immobilien, an einer breit diversifizierten Aktienanlage nach wie vor kaum vorbeikommt.

 

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30.09.2019|Tags: , , |

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