Konjunktur – Rezession oder nur Wachstumsdelle ?

1. Die aktuelle Konjunkturlage

Der aktuelle Konjunkturaufschwung befindet sich schon im 10. Jahr nach der Finanzkrise. Viele Beobachter und Marktteilnehmer fragen sich schon, ob es allein wegen der Dauer des Aufschwungs Zeit ist für die nächste Rezession. Als im Herbst 2018 die Zinsstrukturkurve invers wurde, also die Langfristzinsen unter die Kurzfristzinsen rutschten, haben sich viele Analysten der Meinung angeschlossen, dass eine Rezession kurz bevor steht.

Zur Erläuterung: Normalerweise sind die Langfristzinsen (beispielsweise für 10-jährige Anleihen) deutlich höher als die für Kurzfristanlagen wie Tages- oder Termingeld. Der Grund ist ganz einfach: Um die Langfristzinsen zu erhalten, muss man sein Geld langfristig binden und man weiß nicht, was es am Ende der Laufzeit noch wert ist. Daher ist es ungewöhnlich, wenn für lange Laufzeiten ein geringer Zins geboten wird als für kurze. Dies macht nur dann Sinn, wenn am Markt ein deutlicher Zinsrückgang beispielsweise aufgrund einer Rezession, erwartet wird und die Anleger sich den Zins durch die Langfristanlage langfristig sichern wollen. Details zum Thema Zinsstrukturkurve lesen Sie bitte unter Zinsstrukturkurve

 

2. Gründe für eine Rezession ?

Die Frage ist, aus welchem Grund es zu einer Rezession kommen sollte. Die meisten Rezessionen seit 1945 waren entweder verursacht durch Ölkrisen (1974-75, 1980-82), durch Finanzmarktkrisen (1990-92, 2008-09) oder durch Währungskrisen (1974-75, 1992, 1995, 1998). Typischerweise waren sie auch verursacht durch die Überhitzung der Konjunktur, die dann durch Zinserhöhungen der Notenbanken abgebremst werden musste, um hohe Inflation zu vermeiden.

Die Bedeutung des Öls nimmt tendenziell ab, da es durch Erneuerbare Energien ersetzt wird bzw. durch Erdgas ersetzt wurde. Trotz der brisanten Lage am Persischen Golf und in Venezuela kam es daher noch nicht zu Versorgungsengpässen.

Finanzmarktkrisen deuten sich aktuell nicht an. Die Banken werden seit der Finanzmarktkrise strenger überwacht und sind auch vorsichtiger geworden. In den USA leben Leute mit niedrigem Einkommen, die sich vor der Finanzkrise stark für ein Eigenheim verschuldet haben („sub-prime-Krise“), zunehmen zur Miete; der Immobilienboom ist viel mehr als damals regional auf Ballungsgebiete begrenzt.

Währungskrisen sind derzeit nur in einzelnen  Schwellenländern zu beobachten wie in Argentinien, Venezuela und in der Türkei. Der Zinsrückgang in den USA wirkt auch hier entspannend, da die Gefahr von Kapitalabzug aus den Schwellenländern abgenommen hat.

Am stärksten sind Konjunkturabschwächungen meist in der Industrie zu spüren. So berichten in Deutschland Autoindustrie und Maschinenbau über rückläufige Aufträge. Allerdings hat die Industrie eine immer geringere Bedeutung in der Wirtschaft. Während in der Industrie die Investitionen zurückgehen, investieren die Internet-Konzerne wie Facebook, Google und Amazon weitegehend unbeeindruckt weiter. Ihre Finanzkraft erlaubt es ihnen auch, langfristig zu agieren. Die 10 größten US-Technologiekonzern investierten letztes Jahr allein € 200 Mrd., zum Teil in Infrastruktur für Cloud Computing.

 

Output Gap (in % vom BIP)

Werte unter 0 zeigen eine Unterauslastung der Wirtschaft an, Werte über 0 eine Überauslastung

 

Output Gap zeigt geringere Überauslastung an

Datenquelle: IWF

 

3. Wie geht es weiter?

Es stellt sich also die Frage, woher eine Rezession überhaupt kommen könnte. Der Handelskrieg der USA mit China und Europa und der BREXIT wirken  sich sicher dämpfend aus auf die Konjunktur. Dies ist auch mit ein Grund, warum die Inflationsrate wieder zurückgeht und die Zinsen wieder sinken. Es bleibt zu hoffen, dass die Politik den Handelskrieg nicht soweit kommen lässt, dass daraus eine Rezession entsteht. Zunächst einmal jedoch wurde auch durch den Handelskrieg eine mögliche Überhitzung der Weltkonjunktur abgewendet.

Das Output Gap zeigt an, ob eine Volkswirtschaft schneller oder langsamer wächst als das Produktionspotential, also die verfügbaren Kapazitäten der Wirtschaft. Wenn das Output Gap über 0 liegt, wächst sie schneller als das Produktionspotential und die Kapazitäten sind überausgelastet. Das kann zu einer Überhitzung mit Inflationsgefahr führen.

Wie die Grafik zeigt, waren die Wirtschaft der USA und der Eurozone vor ein paar Jahren massiv unterausgelastet. Der Deflationsgefahr, die damals bestand, sind die Notenbanken mit ihrer ultra-lockeren Gelspolitik entgegengetreten. Die Überauslastung der beiden letzten Jahre in Deutschland nimmt wieder ab und die in den USA auch leicht.

Grundsätzlich könnte eine Rezession aus völlig neuartigen Gründen entstehen, beispielsweise das Einbrechen des Werbevolumens bei Google, Facebook und ähnlichen Betreibern. Dieses Werbevolumen ist inzwischen beträchtlich und Werbung war schon immer konjunkturempfindlich. Diesen Faktor sollte man in Zukunft zusätzlich im Auge behalten.

 

4. Fazit

In den letzten Monaten zeigen sich immer mehr Zeichen einer Verlangsamung der Weltkonjunktur. Eine tiefe Rezession erscheint jedoch unwahrscheinlich, da dafür die Gründe fehlen. Zu erwarten ist eher eine Phase geringen Wachstums mit nach wie vor niedrigen Zinsen.  Angesichts des massiven Kursanstiegs an den Aktienmärkten sind in Aktien mittelfristig wohl eher nur moderate Wertsteigerungen zu erwarten.

 

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