Altersvorsorge – eine Reform ist dringend notwendig

1. Dringender Reformbedarf

Die CFA Society Germany, die zum weltweit größten Verband von professionellen Investoren und Analysten, dem CFA Institute gehört, hat in einem Positionspapier eine Reihe von Reformvorschlägen für die staatlich geförderte Altersvorsorge unterbreitet. Dabei haben sich die CFA-Experten Anregungen von ausländischen Pensionsmodellen geholt. Die folgenden Ausführungen basieren zum großen Teil auf diesem Positionspapier, bei dem ich selbst auch mitgewirkt habe.

Die Altersvorsorge in Deutschland besteht bekanntermaßen aus drei Säulen:

  • Die erste Säule: Gesetzliche Rentenversicherung
  • Die zweite Säule: Betriebliche Altersvorsorge
  • Die dritte Säule: Private Altersvorsorge (Riester und Rürup)

Während die erste Säule ein ständiger Zankapfel der Politik ist und bekanntlich großen demographischen Herausforderungen gegenübersteht, ist es um die zweite und dritte Säule ruhig geworden. Dabei gibt es auch hier viel zu tun:

  • Der Markt für die Betriebliche Altersvorsorge ist für den Laien völlig unübersichtlich. Arbeitnehmer können beim Jobwechsel in vielen Fällen ihre Verträge nicht weiterführen; teilweise verfallen sogar Pensionsansprüche
  • Selbständige, Hausfrauen und -männer und Mitarbeiter kleiner Firmen haben, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten für eine betriebliche Altersvorsorge
  • Die Produkte für Riester-Rente und Rürup-Rente sind mit sehr hohen Verwaltungskosten und Vertriebskosten verbunden
  • Sowohl in der zweiten als auch in der dritten Säule führen die vorgeschriebenen Zinsgarantien dazu, dass die Anbieter weitgehend in niedrigverzinsliche Anleihen investieren müssen und kaum in Aktien und/ oder Immobilien investieren dürfen
  • Lebensversicherer und Pensionskassen tun sich zunehmend schwer, die Garantiezinsen zu erwirtschaften; einige sind daher schon unter „genauerer Beobachtung“ der Finanzaufsicht BAFin

Daher sollte die staatlich geförderte betriebliche und die staatlich geförderte private Altersvorsorge umfassend reformiert werden.

 

2. Wichtigste Reformvorschläge

2.1. Einheitliches System für betriebliche und private Altersvorsorge

Betriebliche und staatlich geförderte private Altersvorsorge sind historisch unterschiedlich entstanden. Allerdings haben sie das gleiche Ziel, den Vorsorgenden eine möglichst gute Altersvorsorge zu bieten. Daher ist die Trennung nicht mehr erforderlich und führt nur zu unnötiger Komplexität.

 

2.2. Zentrale Plattform

Einrichtung einer staatlichen Plattform für die Auswahl der Altersvorsorgeprodukte; die Plattform ermöglicht durch ein zentrales Ausschreibungsverfahren ein hohes Maß an Produktqualität, Transparenz und vor allem ein sehr günstiges Kostenniveau; die Vorsorgenden erhalten auf der Plattform umfassende Informationen über ihre Finanzplanung und die Anlagemöglichkeiten und treffen ihre Auswahl online.

Dieses Modell praktiziert die schwedische Plattform Collectum seit Jahrzehnten erfolgreich. Sie ist Teil des ITP-Systems für Betriebliche Altersvorsorge, dem in etwa ein Viertel der schwedischen Arbeitnehmer angehören.

 

2.3. Depot für Selbststeuerer

Als Alternative für die, die die Anlage ihrer Gelder selbst steuern möchten: Eröffnung eines steuerlich geförderten Altersvorsorgedepots bei einer dafür zugelassenen Depotbank, z.B. einer Direktbank. Die Vorsorgenden wählen ihre Anlagen weitgehend frei aus. Die Entnahme von Geld aus dem Depot vor Erreichen der Pensionsgrenze ist nicht zulässig oder zumindest steuerschädlich.

Das Vorbild dafür ist der kanadische Regulated Retirement Savings Plan, ein in Kanada sehr beliebtes System für betriebliche und private Altersvorsorge.

 

2.4. Flexiblere Beitragszahlung

Erhebliche Flexibilisierung der steuerlich geförderten Beiträge, indem die Freibeträge auch mehrere Jahre später noch genutzt werden können. Dadurch können Abfindungszahlungen oder Bonuszahlungen in die Altersvorsorge eingebaut werden, so daß Jahre der Arbeitslosigkeit oder der EIternzeit keine nachhaltigen Lücken in der Altersvorsorge hinterlassen müssen. Die immer häufiger auftretenden Einkommensschwankungen müssen dann kein Nachteil mehr für die Altersvorsorge sein. Ein „Deckel“ für die steuerliche Förderung sollte darin bestehen, dass das angesammelte Guthaben bei Erreichen der Pensionierungsgrenze vom Betrag her begrenzt wird. Darüber hinausgehende Beträge werden dann bei der Auszahlung zusätzlich besteuert.

Diese steuerliche Regelung besteht seit Jahren in Großbritannien unter dem Namen „Lifetime Allowance“.

 

2.5. Automatische Einbeziehung von Arbeitnehmern in die Betriebliche Altersvorsorge

Die Arbeitgeber beziehen ihre neueingestellten Arbeitnehmer automatisch in die betriebliche Altersvorsorge ein, wenn diese nicht innerhalb einer kurzen Frist widersprechen („opt-out“).

 

2.6. Annuity Pool für lebenslange Rente

Die bisherigen Rentenprodukte auf Lebenszeit sind alle mit Zinsgarantien verbunden und leiden massiv unter der Niedrigzinsphase. Ein Annuity Pool garantiert zwar eine Rente auf Lebenszeit, aber nicht die Rentenhöhe. Daher ist eine Anlage in Aktien sozusagen bis zum Lebensende möglich, wodurch die Rente sich erheblich steigern lässt.

Annuity Pools sind in Deutschland zwar schon zulässig, werden aber nicht angeboten. In Schweden sind Annuity Pools in den kapitalgedeckten Teil der gesetzlichen Rentenversicherung eingebaut.

 

3. Die Reform lohnt sich (Beispielrechnung)

Die Abschaffung der Zinsgarantien und die Senkung der Kosten durch Schaffung einer zentralen Plattform können die Wertentwicklung und damit die Renten massiv steigern.

Der Beispielrechnung liegen folgende Annahmen zugrunde:

  • Beitragszahlung von € 2000 pro Jahr von 1978-2017
  • Aktienmarktentwicklung 1978-2017 steht fester Verzinsung von 4% (Annahme für Garantieverzinsung) gegenüber
  • Anlage mit Garantie: 4% Zins jährlich, Anlage ohne Garantie: 50% Aktien, 50% zu 4% Zins pro Jahr
  • Kosten: Aktuelle marktübliche Riester-Kosten stehen den Kosten beim vorgeschlagenen Plattformmodell gegenüber

 

Auswirkungen der Reform auf die Wertentwicklung

(Vermögen bei Renteneintritt in €)

 

Höhere Rente durch Plattform und ohne Zinsgarantien

 

 

 

 

 

 

 

Die Zahlen zeigen, dass sich die Wertentwicklung, gemessen an den letzten 40 Jahren, durch die Abschaffung der Zinsgarantien und die Schaffung einer zentralen Plattform massiv verbessern lässt. Das Vermögen nach 40 Jahren würde sich von €140.000 (mit einem herkömmlichen Riester-Produkt) auf über €350.000 ansteigen. Entsprechend könnten die Renten höher ausfallen. Beim Einsatz der Annuity Pools in der Rentenphase wäre noch eine weitere Steigerung möglich.

 

4. Fazit

Durch eine umfassende Reform der betrieblichen und privaten Altersvorsorge lassen sich die Renten massiv steigern. Zudem könnte die Transparenz sowie auch der Zugang zur Altersvorsorge für bisher benachteiligte Gruppen verbessert werden. Die demographische Problematik in der gesetzlichen Rentenversicherung macht diese Reform umso dringender.

 

Quelle:

Positionspapier zur Reform der staatlich geförderten Altersvorsorge in Deutschland, CFA Society Germany, März 2019

 

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