Die neue Stadtflucht

1. Auf Landflucht folgt Stadtflucht

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre war eine Wanderungsbewegung von den Städten auf das Land zu beobachten. Dies hing vermutlich auch mit der damals noch erhältlichen Eigenheimzulage zusammen. Inzwischen nimmt die Bevölkerung der deutschen Großstädte seit Jahren wieder zu. Berlin, Hamburg, München und Frankfurt sind seit 2011 um über 1% pro Jahr gewachsen. Neuerdings stelt sich die Entwicklung jedoch differenziert dar.

In der folgenden Betrachtung wird Deutschland in zwei Arten von Regionen unterteilt:

  • Die 71 kreisfreien Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern
  • Die 330 übrigen Kreise

Außerdem konzentrieren wir uns in der Betrachtung auf Inländer (Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit), da die Wanderungsstatistiken sonst durch die häufigen Umzüge von Flüchtlingen nach ihrer Erstanmeldung überzeichnet werden.

 

Wanderung von Inländern in die Großstädte (aus den übrigen Kreisen)

(in Tausend Personen pro Jahr; negative Zahlen = Abwanderung aus den Großstädten)

 

Wanderung deutscher Staatsbürger aus den Städten nimmt zu

 

2. Speckgürtel liegen bei Inländern im Trend

In den Jahren 2005 bis 2013 fand eine umfangreiche Wanderung von Inländern in die Großstädte statt. Diese wurde seit 2015 durch eine Abwanderung von Inländern aus den Großstädten in die übrigen Kreise abgelöst. Der größte Teil davon entfiel auf Umzüge von den Großstädtern in die „Speckgürtel“ um die Großstädte. Auslöser für diese Entwicklung dürften die gestiegenen Immobilienpreise in den Großstädten sein. Sie führen zu einem „Überschwappen“ der Immobilienkäufer und Mieter in das Umland. Vielfach wird in den letzten Jahren auch in den Speckgürteln ein stärkerer Immobilienpreisanstieg beobachtet, während sich der Preisanstieg in den Großstädten auf hohem Niveau verlangsamt.

 

3. Großstädte bei Ausländern beliebt

Typische Vertreter dieser „neuen Stadtflucht“ sind inländische junge Familien, während auf der anderen Seite mehr Ausländer in die Großstädte zuwandern. Knapp die Hälfte der Zuwanderer aus dem Ausland (davon in den Jahren 2012-17 ca. 20% Asylbewerber) ziehen direkt in die Großstädte. Ausländer wohnen auch in Deutschland im Durchschnitt auf einer deutlich geringeren Wohnfläche als Inländer. Die durchschnittliche Wohnfläche von Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit liegt bei 32,9 qm, die von Inländern bei 48,8 qm. Der Zustrom der Ausländer sorgt also für das trotz der Stadtflucht anhaltende Wachstum der Großstädte.

 

4. Trotz der Stadtflucht anhaltende Alterung auf dem Land

Durchschnittsalter der Bevölkerung in Großstädten und sonstigen Kreisen

(in Jahren)

 

Durchschnittsalter auf dem Land steigt

 

Der Zuzug von jungen Familien in das Umland der Großstädte kann allerdings den Trend der Alterung außerhalb der Großstädte nicht bremsen. In den wirklich ländlichen Gebieten außerhalb der Ballungsräume schreitet die Alterung ungebremst fort. Dies ist aus der Grafik gut zu erkennen.

 

5. Fazit

  • Die Abwanderung von Inländern aus den Großstädten begünstigt den Anstieg der Immobilienpreise in den Speckgürteln
  • Die Bevölkerung der Großstädte wächst dennoch weiter
  • Vor allem auf dem Land außerhalb der Ballungsgebiete schreitet die Alterung der Bevölkerung weiter voran
  • Selbst wenn die Landflucht zum Stillstand kommt, wird die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten außerhalb der Ballungsgebiete aufgrund der Altersstruktur weiter abnehmen; daher eignen sich Immobilien in ländlichen Gebieten nur in Ausnahmefällen als Geldanlage

 

Lesen Sie auch: Demographische Entwicklung in Deutschland – Konsequenzen für Wirtschaft und Immobilienmarkt

Datenquellen: Institut der deutschen Wirtschaft, Statistisches Bundesamt

Quelle: https://www.iwkoeln.de/studien/iw-kurzberichte/beitrag/ralph-henger-christian-oberst-immer-mehr-menschen-verlassen-die-grossstaedte-wegen-wohnungsknappheit-419693.html

 

 

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