Wie lange bleiben die Zinsen niedrig?

1. Das Zinstief

Obwohl das Zinstief am Anleihenmarkt auch in Deutschland schon zwei Jahre zurückliegt, sind die Zinsen sowohl für Anleihen als auch für Bankkonten immer noch auf einem extrem niedrigen Niveau. Selbst in den USA ist das Zinsniveau mit 3% für eine Hochkonjunktur auch noch moderat.

Als Grund für das niedrige Zinsniveau wird häufig die Notenbankpolitik in den USA und der Eurozone angeführt. Beide Notenbanken haben nach der Finanzkrise zu einem sehr ungewöhnlichen Instrument der Anleihekäufe gegriffen. Beide lassen die Anleihekaufprogramme inzwischen allmählich auslaufen. Währenddessen ist die Inflationsrate sowohl in den USA als auch in der Eurozone wieder angestiegen. Das vor zwei Jahren noch heftig diskutierte Risiko einer Deflation scheint gebannt. Dies ist sicher der Hauptgrund dafür, dass die Notenbanken allmählich wieder weniger expansiv vorgehen.

 

Inflationsrate in % pro Jahr

 

 

Inflation steigt wieder

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: IWF

 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage:

  • Warum sind die Zinsen eigentlich (trotz überwiegend guter Konjunktur) immer noch so niedrig?
  • Wie lange bleiben die Zinsen wohl so niedrig ?

 

2. Warum sind die Zinsen eigentlich so niedrig ?

Es gibt inzwischen mehrere Thesen dafür, dass die Realzinsen (Zinsen abzüglich Inflation) so niedrig sind und weiterhin niedrig bleiben sollen:

 

A. Die Ersparnisschwemme

Vor allem in China, Ostasien und den arabischen Ölländern waren die Ersparnisse in den letzten Jahren sehr hoch. In China und Ostasien wurde zwar auch sehr viel investiert. Allerdings sind die Investitionen im Vergleich zu der Zeit vor der Finanzkrise niedriger, da auch das Bevölkerungswachstum abnimmt. Die Ersparnisse, die nicht für Investitionen gebraucht werden, fließen daher auf die Kapitalmärkte und drücken die Zinsen.

 

B. Niedrigeres Bevölkerungswachstum

Das Bevölkerungswachstum ist in den Industrieländern  bereits seit den 1970er Jahren zurückgegangen. In den Schwellenländern ging es später auch zurück, insbesondere in China aufgrund der Ein-Kind-Politik. Allerdings ist die berufstätige Bevölkerung selbst in den Industrieländern noch nicht zurückgegangen. Die Baby-Boomer sind aktuell in der Phase des höchsten Einkommens und der höchsten Sparleistung. Im Alter von 50-60 Jahren sind die meisten von ihnen noch erwerbstätig, während ihre Aufwendungen für ihre Kinder und auch ihr Eigenheim tendenziell abnehmen. Die Jahrgänge, die in der Phase der Familiengründung sind (ca. 25-40 Jahre) und am meisten Kapitalbedarf haben, sind zahlenmäßig schon geringer geworden. Das bedeutet, dass zwar aktuell noch viel gespart wird, aber der Kapitalbedarf durch das niedrigere Bevölkerungswachstum schon abnimmt. Wenn die Baby-Boom-Generation allerdings in den Ruhestand geht, wird wieder weniger gespart, was dann eher zinssteigernd wirken wird.

 

C. Geringere Kapitalintensität

Die heutigen Wachstumsbranchen benötigen für ihr Wachstum wesentlich weniger Kapital als die früheren. Als Beispiel seien die Unternehmen Google, Facebook, Amazon und Apple genannt. Sie benötigen wenig Maschinen und relativ wenig Gebäude im Verhältnis zu ihrem Umsatzvolumen. Sie stehen damit im Kontrast zur Automobil- oder Chemieindustrie mit ihrem hohen Kapitalbedarf, deren Wachstum aber viel geringer ist. Zudem fallen wichtige Investitionsgüter in der Elektronik oder auch im Energiebereich wie z.B. Solarmodule, relativ schnell im Preis, was die Investitionen verbilligt. Das bedeutet, dass Unternehmen relativ wenig Kapital benötigen.

 

D. Knappheit an sicheren Anlagen

Viele Anlagen wie US-Hypothekenanleihen und Anleihen südeuropäischer Länder, die vor der Finanzkrise noch als sicher galten, werden nicht mehr als sicher betrachtet. Dadurch sind sichere Anlagen noch knapper geworden. Zu ihnen gehören derzeit Bundesanleihen und Einlagen bei deutschen Banken bis zu €100.000, die von der staatlichen Einlagensicherung gedeckt sind. Die deutschen Banken sind seit der Finanzkrise in ihrer Kreditpolitik auch vorsichtiger geworden, so daß sie sich auch schwertun, die Einlagen der Kunden rentabel anzulegen. Daher versuchen sie Einlagen von Kunden auch teilweise durch Negativzinsen abzuwehren.

 

3. Wie lange bleiben die Zinsen so niedrig ?

Diese Trends könnten alle anhalten bis auf eine Ausnahme: Die Baby-Boomer der Industrieländer werden in einigen Jahren in Ruhestand gehen und dann wesentlich weniger sparen oder sogar entsparen. Zudem hat sich die Inflationsrate „normalisiert“, so dass die Notenbanken ihre ultra-lockere Geldpolitik zurückfahren.

Eine Reihe von Argumenten spricht also dafür, dass die Zinsen an den Kapitalmärkten nicht wieder auf das Niveau der 1990er oder 1980er Jahre steigen. Dennoch dürften die wieder ansteigenden Inflationsraten und längerfristig der Eintritt der Baby-Boom-Generation in den Ruhestand dazu beitragen, dass die Zinsen von ihrem aktuell sehr niedrigen Niveau wieder ansteigen.

Wenn die Zinsen ansteigen, dürfte dies allerdings auch die Schuldenaufnahme durch die USA und Japan und einzelne Schwellenländer dämpfen, die in der Niedrigzinsphase ihre Schulden stark erhöht haben und sich höhere Zinsausgaben dann kaum noch leisten können. Daraus ergibt sich dann wieder eine dämpfende Wirkung für den Zinsanstieg.

 

4. Fazit

Die zinslosen Bankkonten sind als Anlage nach wie vor uninteressant und nur für die Liquiditätsreserve sinnvoll. Anleihen werden auch bei einem moderaten Zinsanstieg dem Kursverlusten ausgesetzt sein, die sehr schnell die geringen Zinserträge aufzehren können. Daher bietet sich als längerfristige Anlage nach wie vor in erster Linie ein breit diversifiziertes Aktiendepot an. Das aktuelle Kursniveau stellt dafür sicher eine gute Einstiegsgelegenheit dar.

 

 

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