Die Target2-Salden – Risiko für den Euro?

Zwischen den Ländern der Eurozone haben sich im Target2-System der EZB seit der Finanzkrise Hunderte von Milliarden Forderungen und Schulden aufgebaut. Was das bedeutet, auch für Länder, die den Euro verlassen wollen, lesen Sie hier:

 

1. Das TARGET2-System

TARGET bedeutet: Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System (Transeuropäisches automatisiertes Echtzeit-Brutto-Zahlungsverkehrsystem). Über dieses System wird der Zahlungsverkehr im Eurosystem abgewickelt, dem alle Zentralbanken der Eurozone angeschlossen sind. Das alte System wurde 2007 durch das neue TARGET2-System abgelöst. Die Banken und Sparkassen unterhalten Konten bei der Zentralbank ihres Landes. Privatleute und Firmen wiederum unterhalten Konten bei ihrer Bank oder Sparkasse.

Durch die Zahlungen verändern sich also Forderungen und Verbindlichkeiten (Schulden) der einzelnen nationalen Zentralbanken gegenüber der EZB. Wenn beispielsweise eine italienische Firma einer deutschen Firma € 1 Mio. für eine Maschine bezahlt, erhöht sich das Guthaben der Deutschen Bundesbank bei der EZB um € 1 Mio.. Das Guthaben der italienischen Zentralbank bei der EZB sinkt um € 1 Mio..

 

2. Die TARGET2-Salden

Bis 2007 waren die Guthaben und Verbindlichkeiten der einzelnen nationalen Zentralbanken bei der EZB relativ gering. Es war damals in den „normalen Zeiten“ auch relativ uninteressant für die deutschen Banken, ihr Geld bei der Bundesbank zu parken. Sie hatten damals viel attraktivere Anlagemöglichkeiten. Für die italienischen und spanischen Banken war es leicht, sich am Kapitalmarkt oder bei anderen Banken zu refinanzieren.

Seit 2008 stiegen die Salden jedoch stark an. Manche Zentralbanken bauten also hohe Guthaben auf und andere hohe Schulden:

 

Guthaben und Schulden der Zentralbanken im TARGET2-System in Mrd. €

TARGET2 - Salden im Ungleichgewicht

Datenquelle: EZB

Man kann sehr gut erkennen, dass Deutschland ein enormes Guthaben aufgebaut hat und insbesondere Spanien und Italien sehr hohe Schulden.

 

3. Was bedeuten die hohen TARGET2-Salden?

Die in den Medien zu findenden Begründungen für die hohen TARGET2-Salden reichen von rein „technischen“ bis zu sehr dramatischen:

  • Im Rahmen des Anleihekaufprogramms kauft die EZB Anleihen von internationalen Investoren. Diese oder deren Banken haben meist ihr Konto bei der Bundesbank. Daher fließt der Kaufpreis für die Anleihen auf das Bundesbankkonto. Diese Begründung wird von Bundesbank- und EZB-Vertretern angeführt. Sie reicht jedoch nicht aus, um zu begründen, dass diese Beträge langfristig auf den Bundesbankkonten bleiben, da große Investoren meist sehr renditebewusst sind und ihr Geld ungern lange zinslos auf einem Konto liegen lassen.
  • Italienische und spanische Anleger bringen ihr Geld nach Deutschland in Sicherheit (Kapitalflucht)

 

Folgende Erklärung erscheint viel realistischer:

Die deutschen Banken parkten aufgrund der Unsicherheit und der niedrigen Zinsen ihr Geld immer mehr bei der Bundesbank,  die es wiederum bei der EZB anlegte. Für die italienischen und spanischen Banken wurde die Refinanzierung am Kapitalmarkt sehr schwierig, weil sich die Kreditwürdigkeit dieser Banken massiv verschlechterte. Außerdem erhalten sie das Geld bei der Zentralbank fast zinslos. Daher nehmen sie Geld bei ihrer Zentralbank auf, die diese Beträge bei der EZB (ebenfalls fast zinslos) refinanzierten.

 

4. Konsequenzen und Risiken der hohen TARGET2-Salden

  • Die EZB hat nur ein relativ kleines Eigenkapital. Wenn daher einer der Schuldner (z.B. Italien oder Spanien) die Schulden nicht zurückzahlen würde bzw. könnte, müsste die EZB neues Geld schaffen, um nicht insolvent zu werden. Da dies jedoch zu Inflation führen würde, würden die Mitgliedstaaten dies wohl vermeiden wollen. Eventuell könnte politischer Druck entstehen, dass Deutschland den Schuldner-Zentralbanken Schulden erlässt. Die Leidtragenden wären dann entweder die deutschen Banken oder der deutsche Steuerzahler.
  • Insofern besteht ein gewisses Risiko, dass die Zentralbanken von Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg im Krisenfall Ausfälle erleiden und die Einlagen ihrer Banken wiederum nicht in vollem Umfang zurückzahlen können.
  • Die TARGET2-Forderungen sind also ein weiterer Grund für Anleger, nur einen Teil ihres Vermögens bei Banken (auf Konten oder in Bankanleihen) anzulegen und auf den Schutz durch die Einlagensicherung zu achten. (siehe auch Umsetzung)

 

5. Konsequenzen der hohen TARGET2-Salden bei Austritt eines Landes aus der EWWU

Wenn ein Land die Währungsunion verlassen sollte, muss es seine TARGET2-Schulden begleichen. Darauf hat auch EZB-Präsident Draghi kürzlich hingewiesen. Inwiefern dies dann befolgt wird, ist natürlich nicht abzusehen. (Falls Deutschland die EWWU verlassen sollte, müsste die Bundesbank ihr TARGET2- Guthaben erstattet bekommen und es an die Banken weiterleiten.)

 

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